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Der Morgen · 1931-08-01 · Heft 3 (August 1931) · p. 216

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 3 (August 1931)
Article
Die große Krise
Date
1931-08-01
Page
216 (sequence 6)
Language
German
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Hermann Funke den Fugen gehen — was verschlägt das, solange wir unseres Gottes sicher sind? Aber Unzählige sind das nicht mehr. Sie finden nicht mehr zu Gott hin, und je begieriger sie nach ihm greifen, um so unwirklicher wird er für sie, um so mehr zerstiebt er ins wesenlose Nichts. Gewiß geht es nicht allen so. Aber viele auch von denen, die selbstsicher wähnen, in ihrem Gottesglauben frei zu sein von allen Skrupeln, stehen nur im suggestiven Bann von Tradition und Erziehung. Tritt eines Tages etwas in ihr Leben, das sie veranlaßt, strenge Musterung in ihrer Seele zu halten und sich zu fragen, ob sie das, was sie ererbt von ihren Vätern haben, wirklich noch besitzen, dann werden sie oft ein grausames Erwachen erfahren. Wo liegen die Ursachen für diese große Gottlosigkeit? Denn eine Gottlosigkeit im wörtlichsten Sinne, ein Ohne-Gott-sein ist es, was das Wesen der religiösen Krise von heute ausmacht und sie zugleich himmelweit von allen früheren unterscheidet Die Geschichte weiß wohl von vielen Epochen zu berichten, in denen eine Fülle feindlicher Meinungen über das Wesen des Göttlichen sich in erbittertem Kampfe gegenüberstand, oder in denen peinigende Ungewißheit darüber herrschte, unter welchen Formen und unter welchem Namen man das Ewige verehren solle. Oft schon hat die Menschheit Generationen hindurch qualvoll ringen müssen um die Antwort auf die Frage, wie man einen gnädigen Gott bekomme — aber daß Gott eine Realität höchster Potenz sei, darüber bestand nie der leiseste Zweifel. Heute besteht er, dieser Zweifel, und er ist durchaus kein leiser Zweifel. Das bedeutet ja keineswegs, daß die meisten Menschen von heute sich zu der Anschauung bekennen, die man Atheismus nennt, und meinen, es sei bewiesen, daß. ein Gott nicht existieren könne. Man kennt natürlich die Argumente, mit denen längst dargetan ist, daß es solche Beweise nicht geben könne. Und wenn man schon zu den Atheisten gehörte — deren Los ist ja durchaus nicht das schlimmste. Für sie ist das Problem der Religion ja irgendwie gelöst Sie haben wenigstens eine Wahrheit, von der sie fest überzeugt sind, an die sie sich klammern können, weil sie ihnen gesichert erscheint Viel schlimmer steht es um die, welche sich brennend danach sehnen, einen Gott zu haben, aber den Weg zu ihm versperrt finden. Daß ein Gott existieren muß, erscheint ihnen in der Theorie so einleuchtend wie irgend etwas. Der Verstand glaubt daran, aber das Herz kann es nicht Wir können Gott nicht mehr erleben. Mag es tausendmal richtig sein, daß sich nichts ernstlich vorbringen läßt, was gegen seine Existenz spräche, ja, mag es vielleicht gar denknotwendig 216

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