Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Die große Krise
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 215 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die große Krise. Das Geschlecht ohne Gott gestern ist sie einfach das schlechthin Widerwärtige, an dem der Schmutz der Gasse und der Ludergeruch der Revolution klebt Aber für uns ist die Idee der Freiheit etwas, was wir niemals aufgeben können, weil uns sonst eine sittliche Grundlage unseres Lebens unter den Füßen fortgezogen würde. Und doch fühlen wir deutlicher und deutlicher, daß es nicht seine Ordnung haben kann mit dem rationalen Begriff, zu dem wir unser Freiheitserlebnis geformt haben. Ist nicht dieser Freiheitsbegriff irgendwie von seinen Gegnern ad absurdum geführt worden? Scheint es nicht fast, als sei man vor die Alternative gestellt, eines von beiden zugrunde gehen zu lassen, entweder den Staat oder die Freiheit? Dieses Dilemma erleben wir mit vollem Bewußtsein* und doch sträubt sich alles in uns gegen die Vorstellung, daß die Freiheit in ewig unüberbrückbanen Gegensatz stehen soll zu den Lebensinteressen des Staates, daß sie immer nur ein schönes Phantom sein wird, das sich höchstens auf einen kurzen Augenblick der bedrängten Welt zeigt Die Freiheit, die den Staat gefährdet, einen der höchsten sittlichen Werte, von denen wir wissen, kann eben nicht dieselbe sein, die wir im Sinne haben, wenn wir sagen, daß wir ohne Freiheit nicht leben können. Dieser Freiheit muß ein entscheidendes, konstituierendes Merkmal fehlen. Aber auch hier dieselbe Not: Wir finden nicht das erlösende Zauberwort, das unseren Begriff von der Freiheit entscheidend umbiegt, ergänzt, erhellt, mit dem das, was wir in den Tiefen unserer Seele erahnen, klar vor unser Auge gestellt und aller Ungewißheit entzogen wird. Überall fehlt uns die letzte Konkretisierung dessen, was wir höchstens abstrakt denken oder unklar fühlen können. Wir irren im Nebel umher und vermögen ihn nicht mit unseren Blicken zu durchdringen. Wie es um die Politik steht, um die großen Fragen des staatlichen Gemeinschaftslebens, so steht es um alle anderen Lebensgebiete. Überall, in Kunst und Moral, in Wissenschaft und Wirtschaft macht sich, zaghaft und über sein eigenes Wollen im Unklaren, das Neue geltend, zunächst mehr Zweifel und Unsicherheit als Befreiung und Erlösung mit sich bringend. Und doch: All das würde im Nu seine Trostlosigkeit verlieren, wenn nicht dasjenige Wertgebiet, das alle anderen überwölbt und ihnen — den Menschen bewußt oder unbewußt Normen diktiert, die allerschwerste Krise durchmachte. Von der Krise der Religion ist natürlich die Rede. Keine änderet Krise ist schwerer zu ertragen. Denn die Religion ist das Erste und Letzte für. das Individuum wie für die Gemeinschaft Die Welt um uns herum mag aus 215