Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Die große Krise
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 214 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Hennann Funke Völkerbund gibt und kennen seine satzungsgemäßen Aufgaben. Aber der Idee der nationalen Machtpolitik haben sie kein Ideal entgegenzusetzen, das konkret und überzeugend genug vor ihnen stünde, um sich begeisterte und völlig skrupellose Hingabe zu erzwingen. Das große Zukunftsziel bietet sich dem Blick zu verschwommen dar. Gewiß, man möchte Europa und die Welt befrieden, seine einzelnen Teile an gemeinsamen Zielen arbeiten lassen, anstatt sich gegenseitig seine Ziele zu durchkreuzen. Darüber ist man sich klar. Aber es gibt noch soviel Ungewisses, so viele Zweifel, auf die man keine Antwort kennt Wie soll es überhaupt aussehen, dieses Europa und diese Welt der Zukunft? Wird es noch Nationen kennen, und, wenn ja, welchen veränderten und höheren Sinn sollen diese dann erhalten? Oder man fragt sich mißtrauisch: Ist es nicht doch ein entartetes Geschlecht, das sich an dem Gedanken des ewigen Friedens berauschen kann? Liegt darin nicht etwas vom hausbackenen, schwunglosen Geist des Spießers, der seine Ruhe haben will, — sowohl, was die im letzten Krieg Besiegten angeht, weil sie nicht von dem heiligen Willen durchglüht sind, die angetane Schmach zu rächen, als auch, was die Sieger angeht, weil sie sich in satter Selbstzufriedenheit mit dem Erreichten begnügen, nur darauf bedacht, es mit möglichst wenig Mühe zu sichern? Das Neue, das in der Weltpolitik das Alte verdrängen soll, vermag noch zu wenig die tiefsten naturhaftesten, elementarsten Triebe, und das bedeutet doch zugleich: die gesundesten menschlichen zu befriedigen. So hat es noch nicht verstanden, dem Drang zum Heldischen, zum Kämpferischen, der tief in der menschlichen Seele schlummert, Genüge zu tun, es hat noch nicht verstanden, das ewige menschliche Streben nach Macht, Ruhm und Geltung in seine Ziele einzubeziehen. Und darum fehlt dem neuen Ideal noch die letzte werbende Kraft, die es auch den ungezählten Millionen nahebringen würde, die den Umweg über den klügelnden Verstand nicht mitzumachen vermögen. Es ist noch nicht gelungen, für das Neue ein konkretes, zündendes Symbol zu schaffen, das mit derart werbender Gewalt zum Herzen spricht, daß jedes Wenn und jedes Aber verstummt Und die Folge ist, daß täglich die Schar derer anwächst, die in ihrer Ratlosigkeit bei der überlebten politischen Weltanschauung von ehedem ihre Zuflucht suchen und unter denen die Jugend am stärksten vertreten ist, da gerade sie am wenigsten imstande ist, verschwommene Halbheit zu ertragen. Ein anderes Problem, um das unser Denken heute kreist, ist das der Freiheit, der Freiheit des Individualismus im Staat Für die Menschen von 214