Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1931-08-01 · Heft 3 (August 1931) · p. 212

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 3 (August 1931)
Article
Die große Krise
Date
1931-08-01
Page
212 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895499-2895503-2901637--05179-2901672
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Hermann Funke Scheidungen zu treffen, die auf die Zeit der Unentschiedenheit folgen müssen, aber wir können ihnen vorarbeiten, das Geröll aus dem Wege räumen. Und niemand, der sich imstande fühlt, bei dieser Vorarbeit mitzuwirken, darf sich ihr entziehen. Jeder, der etwas zu sagen hat, etwas Klärendes oder — das soll nicht vermessen klingen — etwas Prophetisches, versündigt sich an der Zukunft, wenn er schweigt. — Was bedeutet das: in einer geistigen Krise leben? Es bedeutet, auf die kürzeste Formel gebracht: die Herrschaft des bohrenden Zweifels an Stelle der festen ruhigen Gewißheit Jeder Mensch muß Werte kennen, an die er fest glauben, zu denen er unumwunden Ja sagen kann, aber der Mensch der Krisenzeit findet sie nicht mehr — so inbrünstig er sie ersehnt Immer mehr von dem, was einst unumstößlich schien, ist ihm problematisch geworden. Das gilt nicht nur von einzelnen, untergeordneten unter den anerkannten Wahrheiten von ehedem, nicht nur von solchen, die man ohne zu große Überwindung aufgeben könnte. Dann hätte man es nur mit dem normalen, gesunden Fortschritt zu tun, den es zu allen Zeiten geben muß. Aber das Kennzeichen der Krisenzeit ist, daß gerade von den festen, tragenden Grundpfeilern, auf denen man seine Anschauungen von Welt und Leben aufbaute, einer nach dem andern zu wanken beginnt Und jede geistige Krise ist um so gewaltiger und nervenzermürbender, je mehr Gebiete des Lebens in diese große Umwertung alier Werte hineingerissen sind. Heute nun ist es so weit — und das ist das Grauenerregende, Einmalige an unserer Situation —, daß es keinen Bezirk menschlicher Betätigung und menschlichen Strebens mehr gibt, der von diesem großen Wirbel verschont geblieben wäre. Überall sind alte Wahrheiten und Normen außer Kurs gesetzt, überall stehen wir vor Ruinen — aus denen neues Leben noch nicht emporgeblüht ist Ein Beispiel: Keine Lebenssphäre beherrscht Denken und Leidenschaften des Menschen von heute, zumal des deutschen Menschen von heute, annähernd so sehr wie die der Politik. Aber mit welcher zaghaften Unschlüssigkeit und — aufs Große gesehen — mit welcher Ziellosigkeit steht man gerade ihr gegenüber! Man hat wohl Wünsche, die man gern erfüllt sähe, aber sie richten sich nur auf das Materielle, AHernächstliegende und Greifbare. Als Deutscher ist man sich klar über die Notwendigkeit, die Wirtschaftsnot zu lindern, die Reparationslasten herabzusetzen, unsere Ostgrenzen besser zu regulieren usw., genau so, wie der Franzose, Engländer, Italiener teils dasselbe* teils gerade das Entgegengesetzte als „Notwendigkeit" ansieht Aber das, was heute so unend- 212

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.