Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 3 (August 1931)
- Article
- Die große Krise
- Date
- 1931-08-01
- Page
- 211 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die große Krise Das Geschlecht ohne Gott von Hermann Funke Daß wir heute nicht nur in einer Wirtschaftskrise, sondern auch in einer geistigen Krise leben, wie sie in der Geschichte kaum ihresgleichen findet, ist eine der ganz wenigen Wahrheiten, die von niemandem bestritten werden. So allgemein anerkannt und so oft schon ausgesprochen ist sie, daß sie fast allmählich zum abgeschmackten Schlagwort wurde. Nichts aber ist gefährlicher als das Schlagwort. Es verlockt stets zur beruhigten Selbstzufriedenheit. Eine Wahrheit mag von so schicksalsschwerer Tragweite sein, daß sie, einmal zu Ende gedacht, das Blut gerinnen machen müßte, sie wird stets von ihrer Furchtbarkeit verlieren, wenn sie erst einmal in die fest geprägte Form des Schlagworts gegossen ist. Einen Tatbestand auf eine prägnante und durchsichtige Formel gebracht zu haben, mit der sich elegant jonglieren und kokettieren läßt — das bedeutet oft genug, sich halb resigniert, halb frivol mit ihm abgefunden zu haben. Um so gebieterischer aber ist für uns die Notwendigkeit, hinter der toten, gleichgültigen Phrase immer wieder die lebendige, aufrüttelnde Wirklichkeit aufzuspüren. Es gilt, alle Kraft des Willens und alle Klarheit des Geistes aufzubieten, damit unsere geistige Not in ihrem innersten Wesen und in ihren Symptomen immer wieder und immer klarer und beredter vor uns steht Wir müssen unser Gewissen dauernd schärfen, mutig und fest den Blick auf das Chaos von heute richten, und über das, was unser Auge dabei sah, uns in strenger Selbstprüfung Rechenschaft ablegen. Vielleicht, daß es uns dann gelingt, dieses Chaos mindestens in unserem Geiste ein wenig zu entwirren und Bausteine darin zu entdecken für die Zukunft, für den großen Neubau, der kommen wird, weil er einfach kommen muß, wenn wir nicht zugrunde gehen sollen. Und daß er bald komme, daran können wir alle mithelfen. Es wird uns vielleicht nicht beschieden sein, selbst schon die großen endgültigen Entschei- 2\\