Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 1 (April 1931)
- Article
- Volksreligion und Weltreligion
- Date
- 1931-04-01
- Page
- 7 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Volksreligion und Weltreligion und auch jede religiöse Gemeinschaft, die sich über den Kreis der Familie und. Sippe ausgedehnt hat, beginnt als Stamm; er ist überall das ursprüngliche Gesamtgebilde. Zwischen ihm und dem Volke besteht keine eigentliche, begriffliche Trennung; der Unterschied zwischen beiden ist höchstens ein quantitativer, aber kein qualitativer. Den wesenhaften Gegensatz zum Stamme und seiner Daseinsform bildet erst der Staat Ein Stamm hört auf, Stamm zu sein und das Stammesleben zu führen, dadurch allein und dadurch immer, daß er ein Staatsgefüge schafft oder in ein solches eingegliedert wird, dadurch also, daß er eine eigene staatliche Bestimmtheit oder Anteil an einer solchen gewinnt Im Staate endet sein Stammestum, hier wird er in genauem Sinne zum Volke. Der Staat macht das Volk, nicht umgekehrt. Ein Volk ohne Staat bleibt, so zahlreich es wird, ein Stamm. Das Entscheidende ist immer der entstehende oder aufnehmende Staat Durch ihn wird der bloße Raum der Existenz, der für den Stamm charakteristisch war, zur Statte der Geschichte, wie sie eben der Staat erst werden läßt In ihm verliert auch die alte Religion des Stammes die besondere Art der Stammesreligion, sie erhält das geschichtliche, staatliche Gepräge an Stelle des Familienhaften und Sippenhaften, durch das sie bisher gekennzeichnet war. Erst diese Religion, die sich im Staate und durch ihn formt, die in ihm und durch ihn ihren Boden und ihren Horizont hat, so daß er ihr gleichsam Erde und Himmel zuteilt, die von seiner geschichtlichen Erstreckung und seinem geschichtlichen Lose die eigene Geschichte, von seiner Kraft und seiner Schwäche das eigene Schicksal erhält erst die Staatsreligion hat ihre genauen Merkmale, die nur ihr zugehören. Nicht der alte Begriff der Volksreligion, sondern dieser andere der Staatsreligion ist der charakteristische und für die Einteilung wesentliche. Von ihm aus gewinnt dann auch der einer Weltreligion seine deutliche Beziehung und seinen klaren Inhalt Der Begriff der Weltreligion ist nämlich richtig gefaßt und fest umrissen, nur wenn auch er rein qualitativ bestimmt wird, wenn er daher nicht, wie es häufig geschieht, im Sinne des Extensiven, sondern ganz in dem des Intensiven genommen wird. Nicht auf Erfolge der Eroberung, nicht auf die Größe und Weite der Zahl der Gläubigen, sondern auf die Form, die Idee des Glaubens kommt es hier an. Der Erweis dafür, daß eine Religion ala Weltreligion anzusprechen ist, darf nicht von dem Siege der Ausbreitung, von dem Räume der Ausdehnung hergeleitet werden, sondern nur von dem Besonderen ihres Charakters. Nicht die Erstreckung, der Umfang, sondern der 7