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Der Morgen · 1931-04-01 · Heft 1 (April 1931) · p. 6

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Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 1 (April 1931)
Article
Volksreligion und Weltreligion
Date
1931-04-01
Page
6 (sequence 4)
Language
German
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Leo Baeck hingewiesen werden. Bei aller Gemeinschaft im Geistigen und nicht unwesentlich im Blute tritt doch innerhalb seiner Ganzheit dieses Mannigfaltige und Verschiedenartige, wie es durch die einzelnen historischen und kulturellen Bezirke geschaffen worden ist, nicht weniger als in anderen universellen Religionen hervor: seine weite Erstreckung im Räumlichen und im Zeitlichen wirkt sich hierin aus. Wahrscheinlich ist auch fast jede Religion vielfach gewissen klimatischen und geophysischen Bedingungen unterworfen, so daß sie dadurch Züge einer Landesreligion erhalt Es müßte denn ein Zufall sein, daß sich die Herrschaftsbereiche der katholischen und der protestantischen Kirche nach allen Kämpfen schließlich in Grenzen solcher Art festlegten, oder daß der Islam trotz allen immer wieder unternommenen und so oft siegreichen Vorstößen doch zuletzt in seinem erdhaften Grundgebiete bleiben mußte. Das, was die Anfänge einer Religion umhegt hat und formen half, beherrscht und beschränkt offenbar auch ihre weiteren Wege. Es wird dadurch auch begreiflich, daß eine Religion ihre Daseinsmöglichkeit oder ihre Wesensart verlieren kann, wenn sie in einen ihrem Ursprünge fremden Boden umgepflanzt werden soll. So würde ein Buddhismus in Europa, zumal im mittleren oder nördlichen, alsbald vertrocknen, während allerdings andererseits das Judentum in einem- Maße, wie kaum eine andere Religion, sich einem klimatischen Wechsel und auqh sonstigem Wandel gewachsen erwiesen hat Umgekehrt wieder wirkt die Geschlossenheit eines weiten geographischen und kulturellen Raumes mit der Gleichheit seiner Atmosphäre verbindend und vereinheitlichend auf die verschiedenen Religionen, die darin wohnen, und schafft gewissermaßen eine Volksreligion. Einst war es so in dem Mittelmeerreiche des imperium romanum erkennbar gewesen, und noch mehr zeigen heute die Vereinigten Staaten, wie sehr ein Gebiet allen Religionen, die in ihm sind, einen gemeinsamen Zug zu geben vermag. Die so oft geschilderte Harmonie der Religionen in diesem Lande wird dadurch verständlich; ihr Grund ist, neben einer Harmonie der Interessen, welche sich geltend macht, doch auch darin zu finden, daß sie alle in gewissem Sinne „denominations" einer großen Volksreligion, der einen großen amerikanischen Religion sind. Hieran wird es wieder sichtbar, welche Vieldeutigkeit der Begriff der Volksreligion deckt Dazu kommt, daß ihm, nach einer anderen Richtung hin, die genügende Abgrenzung gegen einen Begriff fehlt, der für die Biologie und Geschichte der Religion wichtig ist, gegen den der Stammesreligion. Jede menschliche 6

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