Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 7 (1931-1932)
- Issue
- Heft 1 (April 1931)
- Article
- Volksreligion und Weltreligion
- Date
- 1931-04-01
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Leo Baeck die eine Weltreligion aller Menschen wahrzunehmen. In ihrer Weite und Freiheit wollte man leben. Auch Männer der Romantik hielten, wenngleich in anderen Gedankengängen, zunächst hieran fest; sie meinten allenthalben einen ursprünglichen Monotheismus zu finden, eine Offenbarung, die in jeder Religion von Anbeginn an lebendig wäre. Besonders einer von ihnen, der Begründer der vergleichenden Religionsforschung, Georg Friedrich Creuzer, der Theologe und Kunsthistoriker, glaubte aus allem religiösen Dichten und Sagen diese eine „ursprüngliche, allgemeine Muttersprache" noch heraushören zu können. Wenn so im Eigentlichen alles eines sein sollte, wenn es so nur Wege des Zusammenhangs gab, so bedurfte man keiner Linien der Einteilung. Erst als, vornehmlich dank Herders Erkenntnissen, sich der Sinn für die selbständige Eigentümlichkeit jedes menschlichen Gebildes und so auch jeder Religion zu schärfen begann, mußte sich damit auch das Erfordernis einstellen, in allen diesen besonderen Formen bei all ihrer Verschiedenheit das Gleichartige oder Ähnliche zu suchen, um sie alle planmäßig aneinander zu fügen und anzuordnen. Als einer der ersten hat Hegel es so unternommen; er hat seinem System gemäß die geschichtliche Mannigfaltigkeit der Religion in aufsteigende Begriffe, von dem der Naturreligion bis zu dem der absoluten Religion hinauf, gefaßt Seit ihm, und zumeist durch ihn beeinflußt, sind dann, von den verschiedenen Voraussetzungen aus, immer wieder andere Gedanken für diese Gliederung bestimmend geworden. Bald gingen sie von den Familien der Sprache oder auch von den Völkergruppen aus, bald wieder von der Richtung, welche die Entstehung einer Religion ihr gewiesen hat. Dann wieder sollte die Art, in welcher der Glaube sich aussprach und sich darstellte, auch der Bereich, den er beanspruchte, maßgebend sein, oder auch der seelische Bezirk, Geist, Wille, Gefühl, aus dem er hervorzukommen schien. Fast jeder Forscher bereitete sich nun gern, als neuer Hegel, den eigenen Grundriß und die eigenen Maßstäbe für die Schilderung der Religionen. Unter diesen zahlreichen Prinzipien darf eines besonders hervorgehoben werden, weil es oft wegweisend, aber ebenso oft auch irreführend geworden ist Es ist das, durch welches Landes- oder Volksreligionen und Weltreligionen einander entgegengesetzt werden. In einer Abhandlung lung der „Theologischen Quartalschrift" hat Johann Sebastian Drey, einer der Begründer der katholischen „Tübinger Schule", es 1827 zum ersten Male aufgestellt, und einen bleibenden Platz in der Wissenschaft von den Re- 4