Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1931)
- Article
- Geist und Blut
- Date
- 1931-02-01
- Page
- 523 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Geist und Blut wahren Kultur entfaltet sich diese formende, Einheit erzeugende Beziehung des Geistes zu dem Vorhandenen, dem Gegebenen, mithin zu dem Entwickelten, Erarbeiteten und Geleisteten auch. Der Geist verleiht dem Geleisteten etwas, was es selber und an sich noch nicht zu eigen hat, was erst aus einem ganz anderen Pereich ihm zukommen kann; er verleiht ihm einen Sinn und eine Bedeutung? eine Würde und einen StiL Kultur ist so die Erfassung und Durchdringung des Daseinsgebietes durch den Geist, so daß es seine Gestaltung und Einheit erhalt Wahre Kultur ist immer Ausdruck des Geistes, nie bloßes Ergebnis von Leistungen, von Entwicklung und Fortschritt, und damit ist auch schon gesagt, daß sie immer neu zu schaffen, neu zu verwirklichen ist; denn Geist kann weder aufbewahrt noch fertig vererbt werden, er ist immer ein Neues. Auch alles das, was als das Soziale erscheint und die Gemeinschaft über ihr nur Gegebenes, ihr nur Daseiendes hinausführt, hat zu einem Wesentlichen, neben dem, was als das Gebot vom Nächsten und von der bejahenden Gerechtigkeit darin ist, hierin sein Eigentümliches: der Geist bestimmt und ordnet, er eint die Leistung. Sie ist weder verworfen noch als Letztes hingestellt, sondern komponiert. Ganz ebenso kann Kultur oder Gemeinschaft noch nicht Ausdruck des Blutes und seiner Vergangenheit sein; denn auch diese, auch das Schicksal und das Geschichtliche, das in ihnen befaßt ist, können ihren Sinn erst durch den Geist erhalten. Kultur und Gemeinschaft sind wie geformte Leistung, so vor allem auch geformtes Schicksal, zur Einheit komponierte Vergangenheit — geformt und geeint und damit ganz wie die Leistung im höchsten Sinne begriffen und anerkannt. Blut und Vergangenheit sind Tatsache, die Tatsache unseres gegebenen Daseins. Unser Leben ist nicht vorhanden ohne die Vergangenheit, ohne das Blut. Geist, der ohne die Beziehung, ohne die Spannung hierzu sein wollte, verflüchtigte sich und bewegte sich im Leeren; er würde gleichsam spiritualisiert Erst durch sie, erst dadurch, daß er das Schicksal des Daseins zu gestalten anfängt, daß er es zu einer Einheit werden läßt, besitzen seine „schöpferischen Resultanten" einen Raum und eine Wirkung, so daß er dem Blut und der Vergangenheit nun eine Bedeutung und einen Wert gewähren kann, und das Schicksal jetzt zu einer Würde wird. Durch den Geist wird die Gebundenheit zur Verbundenheit; er überwindet das Vergangenheitsschicksal, indem er es formt Schicksal wird damit zur Erfüllung, Vergangenheit zum Gegenwärtigen, Blut erst wahrhaft zum Menschenleben. Die Bibel hat ein eigentümliches Wort, ein sinnhaftes und sinnbildliches, für diese Spannung von Geist und Blut. Es 523