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Der Morgen · 1931-02-01 · Heft 6 (Februar 1931) · p. 522

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 6 (Februar 1931)
Article
Geist und Blut
Date
1931-02-01
Page
522 (sequence 8)
Language
German
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Leo Baeck vielleicht das echte, das verwirklichende von dem vermeintlichen, falschen Genie. Aber einen Lebensinhalt, einen Lebensgeist kann der Fleiß, kann die Tüchtigkeit mit ihrer Leistung noch nicht gewähren. Von dem Fortschritt überhaupt, von der Entwicklung, die er bringen soll, gilt es ganz ebenso. Er gehört zum Technischen, zur Geschichte des Werkzeuges, also zur Zivilisation hin — dieses Wort in der Bedeutung genommen, die es in der deutschen Sprache hat. Ein fortechritüicher Geist oder gar eine fortschrittliche Frömmigkeit, das ist ein Widerspruch in sich, ein belachenswertes Wort — „der im Himmel wohnet, lachet dessen!" Geist und Frömmigkeit sind Sache des Ich, seiner Vertiefung, seines Zusichkommens, aber nicht Sache des Fortschrittes; sie sind ein Persönliches, worin der Mensch mit seinem Eigensten, seinem Nichtgattungsmäßigen vor seinem Gott steht, und insofern immer wieder ein Einmaliges, ein ganz Neues, aber nicht eine Entwicklungsaufgabe. Nicht auf das Übertreffen, das concurrere, sondern auf das Fürsichsein und das Stillestehen, nicht auf ein Maß der Bewegung, sondern auf die Kraft des Unterbrechens, auf das Atemschöpfen und Freiwerden, die recreatio, und oft auf die Umkehr, kommt es hier an. Nicht das Überholjen ist hier das Bestimmende, sondern das Erholen, das Sichzurückholen wie aus der Vergangenheit, so aus der Betriebsamkeit. Geist und Frömmigkeit sind oft nichts anderes als: Zeithaben für sich und damit wahrhaft Gegenwart haben. Geist ist so Überwindung des Vergangenheitskomplexes und des Leistungskomplexes, eine innere Befreiung von ihnen. Damit ist schon gesagt, daß er nicht dahin wirkt, die Vergangenheit zu verleugnen und die Leistung zu bestreiten. Dadurch, daß er die Distanz zu ihnen gewährt, gibt er vielmehr die Möglichkeit, daß das Ich in die gestaltende, Einheit schaffende Beziehung zu ihnen gelange. In ihm verbindet sich das Ich wahrhaft mit Leistung und Vergangenheit, j Fortschritt und Leistung, zu denen der Geist in diese schöpferische Spannung tritt, und die er dadurch zu gestalten, zu komponieren vermag, werden damit zu dem, was gemeinhin als Kultur bezeichnet wird — dieser Begriff mit dem Gehalte gebraucht, den er, dem französischen civilisation entsprechend, im Deutschen hat. Sie sind über die bloße Technik hinausgehoben, sie werden zur Kultur immer dann, wenn sie nicht autonom sein, nicht ihren Zweck in; sich selbst haben wollen, um für sich als menschliche Aufgabe, als Lebensr inhalt zu gelten, sondern wenn sie zum Mittel für einen Wert, für ein Geistiges werden, wenn also der Geist sie zu bestimmen und zu ordnen beginnt In jeder 522

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