Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1931)
- Article
- Geist und Blut
- Date
- 1931-02-01
- Page
- 521 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Geist und Blut schöpferische Fähigkeit in ihrem höchsten und seltensten Sinne. Ein solches Genie ist eine große Revolution, ein großes Erdbeben — ein um so zentraleres, je zentraler das Genie ist —, und die Menschheit verträgt darum nur wenige Genies. Aber ein besonderes Genie, ein nicht erregendes, sondern nur befriedendes, ist jedem Menschen verliehen, in einem vermag jeder Mensch den Geist zu bewähren: in der sittlichen, hingebenden, opfeinwilligen Tat oder, um es religiös zu benennen, in der Erfüllung des Gottesgebotes. Auch in der sittlichen Tat ist der Widerspruch zum Vergangenen; denn sie ist doch im Widerspruch zum Triebhaften und Instinkthaften, zu diesem Blutmäßigen und Vergangenheitsmäßigen. Aus diesem sogenannten Natürlichen heraus ist der Mensch immer nur ein Selbstling, ein Eigennütziger, ein dem wechselnden Verlangen und Begehren Nachgebender. Erst in der guten Tat überwindet er dieses Natürliche und Gattungshafte, tritt er aus diesem Vergangenheitskreis, diesem Schicksalsbezirk heraus. Indem er das Gottesgebot erfüllt, führt er ein Zeitloses, ein Ewiges ins Zeitliche, in die Stunde hinein. Sein Geist, seine Individualität, seine wahre Persönlichkeit erweist sich darin. Wie über diese Vergangenheit, so hebt die gute Tat, schon sie, über die bloße Entwicklung hinaus. Sie ist als ein Geisthaftes, als ein Geniehaftes nicht eine Leistung, sondern eine Schöpfung. Ja sie bedeutet einen Widerspruch gegen die Leistung; denn sie ist in ihrem Eigentlichen unnützlich und vielleicht bisweilen unpraktisch, in ihr ist nichts Maschinelles. Ganz wie der Geist ein polarer Gegensatz gegen das Vergangenheitsschicksal ist, so ist er es auch zur bloßen Leistung und allem bloßen Fortschritt, zu alle dem, was das Wort von der Entwicklung allgemein umfassen will. Kennzeichnend ist schon, daß keine der großen Religionen und keine der großen Philosophien die Leistung an sich und den Fleiß an sich, geschweige das Überholen, als Wert oder als Tugend kennt. Das Alte Testament mit seinem Dynamischen, mit seiner lebendigen Kraft des Gebietens und Beanspruchens fordert ebenso wie das Arbeiten, und eindringlicher noch, das Vermögen des Nichtarbeitens; die ganze Würde der Forderung gilt der Ruhe: dem Sabbattag, dem Sabbatjahr, dem Jubeljahr. Fleiß ist ein Mittel, ein unentbehrliches, aber er bezeichnet noch keinen Sinn oder Wert, noch kein Geistiges. Er ist ein Vehikel, ein Betreibendes, aber kein Schöpferisches, kein Bahnen eines Weges. Gewiß, als dieses Betreibende ist er ein Mittel, dessen die menschliche Kraft niemals entraten kann. Selbst das Genie ist im Grunde auch eine große Geduld, und das heißt doch auch, ein großer Fleiß — durch diese Geduld und durch diesen Fleiß unterscheidet sich 521