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Der Morgen · 1931-02-01 · Heft 6 (Februar 1931) · p. 520

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 6 (Februar 1931)
Article
Geist und Blut
Date
1931-02-01
Page
520 (sequence 6)
Language
German
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Leo Baeck niiiig zu dem Blute, das aus der Weite der Vergangenheit strömt, aber in ihren Kreis hinein gebannt ist, und in der Spannung zu der Leistung, die aus der Gegenwart fließt, aber immer in einen Punkt hin mündet Geist ist damit auch in der Spannung zum Tierhaften; Blut und Leistung kommen auch dem Tiere zu, er erscheint erst im Menschlichen. Geist ist Kundgebung des Zeitlosen und Raumlosen, der Ewigkeit und Unendlichkeit. Er ist darum ein Religiöses. Ohne das wäre er nur Intellekt, und darin unterscheidet sich dichterischer, künstlerischer, denkender, sittlicher Geist vom dichterischen, künstlerischen, denkenden, sittlichen Intellekt. Der Geist ist das Ebenbild Gottes. Geist ist demnach der polare Gegensatz zunächst zum Blute. Blut bedeutet ein Insichbleiben, Geist ein Gegenübertreten. Blut bedeutet Gattung, die aus Begattung sich ergibt; alles Individuum ist hier nur Gattungsindividuum, Gattungsdifferenzierung. Geist ist reine Individualität, die darum der Gattung in gewissem Sinne gegenübersteht, individuum ineffabile, wie es aus dem Eintreten des Göttlichen in die Menschengattung erwächst Geist ist gattungslos oder, wie ein altes jüdisches Wort sagt, jedesmalige, einmalige Prägung durch den einen Gott. Das Einmalige und darum Einzigartige ist ein Hinausgehobensein über die Gattung, die Möglichkeit einer Distanz zu ihr. Durch den Geist geht eine Art über sich hinaus. Geist ist insofern, man möchte sagen, zunächst ein gewisses Vergessen, während Blut mit seinem Instinkt und Trieb das große Gedächtnis, das Gedächtnis der Jahrtausende, das Gedächtnis im Unterbewußten ist. Es ist eine Legende im Talmud, ähnlich einer Erzählung Piatons, vielleicht auf diese zurückgehend, vielleicht mit ihr auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen, daß, wenn der Mensch aus dem Mutterleibe kommt, um zu seinem Leben und seinem Geiste geboren zu werden, ein Engel ihm die Lippen berührt und er dann alles, die Fülle dessen, was bisher in ihm gewesen, vergißt Das ist, im Bildlichen, Geburt des Geistes. Alles Schöpferische bedeutet im Objektiven: ein Neues werden lassen, ein Altes zum mindesten in seiner Geltung und seinem Sinne aufhören lassen. Im Subjektiven bedeutet es gleichsam ein Vergessen. Das scheidet ja das Genie vom Talent; das Talent ist ein starkes, könnendes Sicherinnern, das Genie ist ein großes, lebendiges Vergessen und Vergessenmachen. An dem durch Kunst oder Denken gestaltenden Genie wird diese Eigentümlichkeit am deutlichsten erkennbar; denn ein solches Genie ist diese Gabe, ein Aufhören zu bewirken, diese Lösung von einer Vergangenheit, diese menschlich- 520

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