Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1931)
- Article
- Geist und Blut
- Date
- 1931-02-01
- Page
- 518 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck Tage, das noch mehr psychisch als physisch sich darstellt, die Weise, in der schon Tolstoi den Grund alles Übels sah, daß unsere Generation keine Zeit hat, fast möchte man hinzufügen, daß sie die Zeit verloren hat wie in Chamissos Märchen Peter Schlemihl seinen Schatten, ist Ausdruck dieses nomine machine— die Natur hat Zeit, sie ist die große Offenbarung des Zeithabens, die Maschine bat keine Zeit, sie hat nur ein Pensum und nur ein Tempo. Oder das andere Kennzeichnende, die Ersetzung der Freude durch das Vergnügen, auch das ist ein Maschinelles — Freude hat Zeit, Glück hat Zeit, Vergnügen hat keine Zeit, es ist nur ein Pensum, eine Leistung mit ihrem Tempo. Oder auch das, worin desgleichen ein Charakteristisches unseres Geschlechtes gesehen wird, daß es geheimnislos ist, auch das ist zu einem Wesentlichen das Maschinenhafte — die Maschine hat kein Geheimnis; hätte sie es, so wäre sie keine Maschine. Und schließlich das noch, worin weiterhin unsere Generation sich darstellt, ihr zumeist so Unpersönliches, so Kollektives, auch das ist ein Zeichen des Maschinenmäßigen — die Maschine hat keinen individuellen Wert; hätte sie ihn, so wäre sie Werk der Kunst und nicht Maschine; ihr Wert ist gleichbedeutend mit der Arbeitsleistung, ist daher nur ein kollektiver Wert, sie ist ins unendlich Uniforme zu vervielfältigen. Aber ebenso bestimmend und formend ist an sich schon der Gedanke der Leistung und dessen, was aus ihr notwendig folgt, der Höchstleistung. Er besagt doch im Letzten die Ersetzung des Individualitätswertes durch den Arbeits¬ und Wirkungswert, die Ablösung des Lebensinhaltes durch die Zahl und Formel des Übertreffens und Übersteigerns. Er bedeutet das stete Wettrennen, über die Vergangenheit hinauszugelangen, in welchem jedes Jahr über das frühere hinausgetrieben werden soll von der Vergangenheit fort zur ferneren Möglichkeit des Überholens und Überbietens hin. Der homo sapiens wird zum homo industriosus und damit zum homo concurrens. Das ist die eigentliche Industrialisierung unserer Zeit. So steht dieses Beides, kennzeichnend für unser Jahrhundert zumal, beieinander, diese Flucht vor der Vergangenheit und jene Flucht in die Vergangenheit, dieser Drang, sich ihr zu entrücken, der den Menschen und sein Leben blutleer und schicksalsarm macht, und jener Drang, sich in sie einzuschränken, der den Menschen und sein Leben zukunftsfremd und richtungslos werden läßt Beiden ist ihnen gemeinsam das Ermangeln des Geistes, das Fehlen des Schöpferischen. Denn, um es durch den Gegensatz zunächst zu bezeichnen, Geist, der Geist, 518