Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1931)
- Article
- Geist und Blut
- Date
- 1931-02-01
- Page
- 516 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck hat, bedeutet doch nur, daß sie den Kreis für den Blick dehnen konnte; aber sie hat nicht aus ihm hinausgeführt, sie hat das Schicksal nicht überwunden. Was an Abhängigkeiten sonst jeden Menschenbezirk umschließt, das Umfaßtsein des Einzel-Ich durch das Gesamt-Ich, des Einen durch die Vielen, durch die Menge und die Masse, das alles bezeichnet doch nur Kreise innerhalb des Kreises. Was menschliches Los so vielfach für den Einzelnen sein mag, alles das, was in den Worten Glück und Leid uns umklingt, es ist unmittelbarer, aufregender, aber doch nur Schicksal aus jenem großen, eigentlichen, dem Vergangenheitsschicksal hervor. Alles, was dem Menschen bewußt wird, und aEes, was darunter als sein im eigentlich Geschichtlichen gewordenes Unterbewußtsein lebt, es zieht sich doch hinein und ist hineingeschichtet in den Mutterkreis der Vergangenheitsregungen; unser Seelisches ist in seinem Tiefsten und Weitesien Vergangenheitsseele. Das ist des Menschen Schicksal. Alles, was das Leben in seiner Verhaftetheit, was das Wort „Blut", was das Goethesche Wort von den „Müttern" meint, es ist diese Vergangenheitsseele. Wenn Menschen über das Nächste hinaus dieses Schicksal erlebten oder erahnten, so haben sie sich entweder überwältigt ihm zugewandt, oder sie haben erschreckt sich von ihm abgekehrt. Vor dem einen erscheint so die Vergangenheit mit ihrem Geschick als die große Gebende und Fügende; sie steht vor dem rückwärtsgerichteten Auge, wie vor dem Gläubigen in Ephesos die uralte Göttermutter, die hundertbrüstige Artemis. Alles Endgültige, aller Wert soll dieses Einstmalige sein. Die Vergangenheit wird das nicht zu Überbietende, das Erste und Letzte, und alle Reinheit und Echtheit wird darum in ihr und dem, was mit ihr verbindet, in dem Blute, in der Rasse gesucht. Mannigfaltige Empfindungen und Stimmungen treffen und vereinen sich hier. Bald ist es ein Kompensationsbedürfnis gegenüber einer versagenden Gegenwart, das sich hier regt, ein romantisches Geltungsverlangen — Romantik als allgemeine Stimmung ist oft nur ein retroverliertes, rückwärtsschauendes Geltungsbegehren. Oder es ist auch eine Schicksalsliebe, die hier hervortritt, nicht selten, ähnlich wie gewisse Erscheinungen der Mystik, mit erotischen Zügen, dieser eigentümliche, amoureuse amor fati.,. der sein Bild der Vergangenheit mit den Blicken des Entzückten und Verliebten immer wieder betrachtet. Oder es wirkt hier schließlich ein illusionistischer Drang, in welchem der Mensch ein Wollender, und Vollbringender zu sein sich vorstellt, wenn er an das sich anklammert, was ihn umklammert hält. In all diesem Wechselnden ist immer der eine Grundzug: die auch gewollte Hinein- 5X6