Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1930)
- Article
- Der Dreyfuß-Prozeß [Rezension]
- Date
- 1930-12-01
- Page
- 505 (sequence 5)
- Language
- German
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Dar Dreyfuß-Prozeß tionalismus, der Antisemitismxzs sind mit einem Schlage in schwierigste Verteidigungsstellung gedrängt. Nach langer Untersuchung entscheidet sich im Jahre 1899 der französische Kassationshof einstimmig für Aufhebung des Kriegsgerichtsurteils gegen Dreyfuß und für Wiederaufnahme des Verfahrens. Dreyfuß darf nach Frankreich zurückkehren, nach über 4 Jahren Aufenthalts in einem mörderischen Klima. Die Hoffnung, die Ehre seines Namens wiederherzustellen, hatte ihn aufrechterhalten. Aber das Kriegsgericht, dem die erneute Durchführung des Prozesses übertragen war, entscheidet im September 1899 mit 5 Stimmen gegen 2 für Schuldig, wenn auch unter mildernden Umständen: 10 Jahre Festungshaft und Deportation sollen die Strafe sein. Die Regierung versucht, durch die Begnadigung des Verurteilten der Sache ein Ende zu machen, sehr gegen den Willen von Dreyfuß, der nicht Gnade, sondern sein Recht haben will. Erst die Wahlen von 1902, die eine starke republikanische Mehrheit bringen, geben die erste Möglichkeit zu einer zweiten Wiederaufnahme des Verfahrens. Nach langen Voruntersuchungen hebt der Kassationshof im Juli 1906 das Urteil von 1899 auf und spricht damit Dreyfuß frei. Um ihm Genugtuung zu geben — da er auf jede Geldentschädigung verzichtet hatte — wird er zum Major befördert und an der gleichen Stelle, wo er einst degradiert war, vor versammelter Mannschaft zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen. Wir können uns heute nicht mehr vorstellen, was für Stürme die „Affäre Dreyfuß" 12 Jahre lang in Frankreich hervorgerufen hat. Wiederholt glaubte man dem Bürgerkrieg nahe zu sein. Es war ein Ringen um die Gerechtigkeit, bei dem die stärksten Mächte gegen Dreyfuß standen. Die Armee und ihr Generalstab, der Nationalismus, der Antisemitismus und der Klerikalismus haben gemeinsam alles aufgeboten, der Wahrheit die Wege zu versperren. Es gehörte Heldenmut dazu, den Kampf gegen diese Mächte zu führen, wie es neben den nächsten Anverwandten von Dreyfuß vor allem Joseph Reinach, Zola, Scheurer- Kestner, Jaures, Labori, Clemenceau, Picquart getan haben. Aber man muß doch die Frage aufwerfen: warum gab Schwartzkoppen nicht sofort die volle Wahrheit bekannt, die Dreyfuß hätte retten müssen? Man wird Sohwartzkoppen wohl etwas milder beurteilen dürfen, als Weil es zu tun scheint — persönlich trifft ihn kaum eine Schuld, es sei denn ungenügende Vorsicht bei Vernichtung gefährlicher Schriftstücke. Aber er konnte nichts dafür, daß man aus seinem Postfach in der Botschaft Briefe stahl, noch war er verantwortlich für die Aufgaben, die ihm und jedem Militärattache in fremdem Lande gestellt waren. Hierin allein liegt das Häßliche und Tragische, soweit Deutschland beim Dreyfußprozeß eine Rolle spielt. Der deutsche Botschafter Graf Münster hielt angesichts übler früherer Erfahrungen streng darauf, daß die Mitglieder der Botschaft sich nicht an Spionagehandlungen beteiligten. Aber trotzdem mußten die Militärattaches spionieren, undals Walsin-Esterhazy sich Schwartzkoppen als Spion anbot, erhielt dieser nach Anfrage in Berlin ausdrücklich den Auftrag, Beziehungen zu dem Verräter aufzunehmen. Schwartzkoppen wußte, daß er damit gegen den Willen des Botschafters handle und des- 505