Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1930)
- Article
- Der Dreyfuß-Prozeß [Rezension]
- Date
- 1930-12-01
- Page
- 506 (sequence 6)
- Language
- German
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Walter Goetz: Der Dreyfuß-Prozeß halb verbarg er ihm alles, was mit Walsin-Esterhazy zusammenhing. Als Dreyfuß verhaftet wurde und die Presse auf Beziehungen zur deutschen Botschaft hindeutete, konnte Schwartzkoppen dem Botschafter und dieser den amtlichen französischen Stellen und in Zeitungserklärungen versichern, daß man deutscherseits mit Dreyfuß niemals in Verbindung gestanden habe. Aber der französische Generalstab besaß nun doch Beweise für Beziehungen Schwartzkoppens zu einem Landesverräter - warum erklärte Schwartzkoppen jetzt nicht vor aller Welt, daß der Verräter Walsin-Esterhazy sei? Daran verhinderte ihn jahrelang oder vielmehr bis zur Veröffentlichung seiner nachgelassenen Aufzeichnungen zweierlei: niemals durfte man zugeben, daß die deutsche Botschaft in Paris Spionage getrieben habe — diese Lüge war ein Gesetz aller diplomatischen Vertretungen der Welt — und Schwartzkoppen scheute sich auch, einzugestehen, daß er seinem vorgesetzten Botschafter nur die halbe Wahrheit gesagt habe: er leugnete mit Recht jede Beziehung zu Dreyfuß, aber er verschwieg die Verbindung mit Walsin-Esterhazy. Als der Botschafter später diese Tatsache erfuhr, hat er es Schwartzkoppen eine Welle schwer nachgetragen, aber er sah dann wohl ein, daß Schwartzkoppen nicht gut anders handeln konnte und so verzieh er ihm. Aber man darf doch erwägen, ob nicht eine frühere Mitteilung Schwartzkoppens an den Botschafter über den wahren Sachverhalt, die Klärung der Angelegenheit erleichtert hätte. Bruno Weil hat diese ganze Tragödie noch einmal gedrängt zusammengefaßt — so viel ich sehen kann, überall in gewissenhafter Schilderung und kaum mit spürbarer Parteinahme. Man braucht ja nur die Tatsachen reden zu lassen — die Helden und die Schuldigen ergeben sich von selber. Einzelne kleinere Mängel und Irrtümer laufen unter — aber um ihretwillen sei mit dem Verfasser nicht gerechtet. So war z. B. der deutsche Botschafter Graf Münster nicht konservativ, sondern im gleichen Sinne wie Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst liberal-konservativ; beide unterhielten Beziehungen zur nationalliberalen Partei. Daß seit 1871 im Verhältnis Frankreichs zu Deutschland eine Entspannung eingetreten sei, ist nicht ganz richtig — man braucht nur an Boulanger, an Schnäbele und an die französisch-russische Annäherung zu denken. Und so wäre noch anderes zu berichtigen, hie und da z. B. eine Ungenauigkeit der Daten. Weils Telegrammstil nimmt die Dramatik des Gegenstandes auf — für meinen Geschmack etwas zu viel, aber sicherlich wird man durch diese Darstellung vom Anfang bis zum Schluß im höchsten Maße gefesselt, ja ergriffen. In einer Zeit, wo Dreyfußprozesse in anderen Ländern als in dem gewitzigten Frankreich möglich sein könnten, ist dieses Buch, einschließlich den Schwartzkoppenschen Aufzeichnungen, eine ernste Mahnung für alle, die das Recht und Gerechtigkeit vor allen Eingriffen der Parteipolitik und des Hasses gewahrt wissen möchten. 506