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Der Morgen · 1930-12-01 · Heft 5 (Dezember 1930) · p. 504

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 5 (Dezember 1930)
Article
Der Dreyfuß-Prozeß [Rezension]
Date
1930-12-01
Page
504 (sequence 4)
Language
German
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Walter Goetz der Degen wird ihm zerbrochen vor die Füße geworfen, er wird als Degradierter an der Front der Mannschaften vorübergeführt. Er beschwört laut seine Unschuld — draußen vor dem Gefängnis ruft eine tausendköpfige Menge, man solle den Verräter töten, und selbst die Vertreter der Presse im Hofe rufen ihm zu: „Feigling", „Verräter", „Judas", „schmutziger Jude". Im Frühjahr i8a5 wird Dreyfuß nach der Teufelsinsel bei Cayenne an der Nordküste von Südamerika gebracht — in ein Klima, das ihm unter normalen Verhältnissen den Rest geben mußte. Aber Dreyfuß hält aus: er lebt nur in dem Gedanken, eines Tages seine Unschuld zu erweisen. In der Tat, die „Affäre Dreyfuß" ruht nicht. Seine nächsten Verwandten, seine Freunde, seine Verteidiger vor dem Kriegsgericht nehmen den Kampf gegen das Kriegsgericht und gegen die öffentliche Meinung auf; Emile Zola wird Ende 1897 mit seinem berühmten Aufsatz „Ich klage an!" der stärkste Verteidiger der Wahrheit gegenüber der öffentlichen Meinung. Aber auch im Generalstab gibt es einen ehrlichen Wahrheitssucher: Oberst Picquart. Ursprünglich von Dreyfuß' Schuld überzeugt, prüft er wieder und wieder alle Punkte, die Dreyfuß belasten sollen — sie ergeben sich als nichtig. Aber er erhält im März 1896 ein aus Schwartzkoppens Papierkorb stammendes Schreiben, das auf Beziehungen des Majors Walsin-Esterhazy zu Schwartzkoppen schließen läßt. Als Picquart nunmehr den Dingen energisch nachgehen will, stößt er auf Widerstand im Generalstab: „die Affäre Dreyfuß ist endgültig erledigt". Man will höchstens den neuen Fall Walsin-Esterhazys, eines verlumpten, aber noch aktiven Offiziers, für sich behandelt sehen. Picquart büßt schließlich seinen Wahrheitsfanatismus Mitte November 1896 mit Versetzung aus dem Generalstab nach Nordafrika, aber er gibt den Kampf auch dann nicht auf, als der Generalstab 2m der Fälschung beschuldigt, um ihn mundtot zu machen — eine Untersuchungshaft von fast einem Jaare wird ihm zuteil. Als man einen Prozeß gegen Walsin-Esterhazy nicht mehr vermeiden kann, weil allzuviel von seiner Tätigkeit in die Öffentlichkeit gedrungen war, setzt der Generalstab in einem abgekarteten Kriegsgerichtsverfahren Anfang Januar 1898 durch, daß der wahre Schuldige freigesprochen wird — das Publikum bereitet ihm und der Armee begeisterte Huldigungen I Zola aber wird einen Monat später von einem Geschworenengericht wegen „öffentlicher Verleumdung" zu einem Jahr Gefängnis und 7000 Franken Geldstrafe verurteilt. Der Höhepunkt ist erreicht, der Generalstab scheint gesiegt zu haben. Aber mit dem politischen Umschlag, der im Mai 1898 in Frankreich die Linke zur Regierung brachte, wird die Bewegung zur Revision des Dreyfußprozesses unaufhaltbar. Bei erneuter Prüfung aller Dokumente auf Befehl des Kriegsministers Cavaignac (der an Dreyfuß' Schuld glaubte), stellte sich eines der wichtigsten Dokumente als eine Fälschung des Generalstabsobersten Henry, der den Prozeß gegen Dreyfuß vor allem betrieben hatte, heraus. Henry wird verhaftet und verübt am nächsten Tage im Gefängnis Selbstmord. Damit war plötzlich alles zerstört, was der Generalstab aufgebaut hatte; ganz Frankreich geriet in leidenschaftliche Erregung — die Armee, das Offizierskorps, der Generalstab, der Na- 504

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