Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1930)
- Article
- Der Dreyfuß-Prozeß [Rezension]
- Date
- 1930-12-01
- Page
- 503 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Dreyf uß-Prozeß Man muß freilich staunen, daß deutsche Offiziere auf so gefährdetem Platze nicht auf Freundinnen zu verzichten vermochten, oder daß sie dem Papierkorb wichtige Schriftstücke anvertrauten — zwar in kleine Stücke zerrissen, die aber nach der Ablieferung durch die Scheuerfrau von geübter Hand wieder zusammengesetzt wurden. So erhielt man im französischen Generalstab eine Sammlung von Privatbriefen und von amtlichen Schriftstücken Schwartzkoppens, die zwar nicht auf die Person des Verräters hinführten, wohl aber die Tatsache des Verrats erhärteten, so daß nun der im Generalstab als Hilfsarbeiter arbeitende Kapitän Dreyfuß im Oktober 1894 als der Verräter bezeichnet und verhaftet wurde. Man glaubte feststellen zu können, daß seine Handschrift mit der eines an Schwartzkoppen gerichteten und im Postfach der Botschaft abgefangenen Schriftstücks (dem sog. Bordereau) übereinstimme, obwohl die Schriftsachverständigen darüber verschiedener Meinung waren. Unzweifelhaft wirkte bei dieser Verhaftung in erster Linie die Nervosität des französischen Generalstabs ein: man wollte endlich den Verräter entlarven. Daß die beteiligten Generalstabsoffiziere bis hinauf zum Kriegsminister Mercier die Untersuchung gewissenhaft geführt hätten, wird niemand behaupten können, aber in diesem ersten Stadium der Angelegenheit spielten antisemitische Einflüsse wohl noch keine Rolle. Weil unter den verschiedenen Hilfsarbeitern, unter denen man den Verräter vermutete, die Schrift des Kapitäns Dreyfuß der des Bordereau ähnlich zu sein schien, wurde er verhaftet. Aber als i4 Tage später die Pariser nationalistische Presse zuerst die Sache in die Öffentlichkeit brachte, gab man dieser Bekanntgabe die Überschrift: „Landesverrat, Verhaftung des jüdischen Offiziers A. Dreyfuß". Und damit war das Stichwort für die „Affaire Dreyfuß" gegeben: ein Jude hatte Frankreich verraten. Und da Dreyfuß aus Mühlhausen stammte, so gesellte sich zum Juden der „Deutsche" — die nationalistisch-antisemitische Presse Frankreichs konnte gleichzeitig nach zwei Seiten hin ihre hetzerische Tätigkeit entfalten. Sie tat es in solchem Maße, daß nach kurzer Zeit fast ganz Frankreich und vor allem das französische Offizierskorps von der Schuld des Verhafteten felsenfest überzeugt war. Das emstimmige Urteil des Kriegsgerichts vom 19. Dez. i8g4 lautete auf Degradation und lebenslängliche Deportation. Major Henry, einer von den Offizieren des Generalstabs, der sich in den Glauben an die Schuld des Dreyfuß hineingearbeitet hatte, aber auch das Verdienst der Entdeckung des Verräters haben wollte, sagte vor Gericht: „Ich schwöre, daß der Kapitän Dreyfuß der Verräter ist!" Heimlich wird dem Gericht, als es sich bereits um die Beratung des Urteils im Kreise der Richter handelt, vom Kriegsminister noch ein aufgefangenes Schreiben, angeblich des italienischen Militärattaches an Schwartzkoppen, mitgeteilt; darin wird von 12 militärischen Plänen gesprochen, die „cette canaille de D." geschickt habe. Mußte das nicht Dreyfuß sein? Daß es sich um einen gewissen Dubois handelte, kam erst viel später auf. Auch die sofort eingelegte Revision wird am 3i. Dez. 1894 abgewiesen. Es ist ein furchtbares Schicksal, daß Dreyfuß am 6. Januar 1895 auf dem Hofe der Militärschule vor versammelter Mannschaft degradiert wird; die Offiziersabzeichen werden ihm abgerissen, 503