Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1930)
- Article
- Seelenforschung und Seeelenführung
- Date
- 1930-10-01
- Page
- 401 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seelenforschung und Seelenführung gewicht gegen die Überzüchtung des Rationalen bilden kann, wie Stählin meint, ist mir bei der Stereotypie des herrschenden Kultus eine Frage. Als letzter Redner sprach der Psychiater Kronfeld -Berlin über „Psychotherapie und Religion". Er baute als Analytiker das System der Freudschen Psychotherapie selten klar und geschickt auf. Der Mensch im seelischen Leiden sei Gegenstand der Therapie. Die analytische Heuristik suche die organische Betriebsstörung in der Tiefe, wo das Eigentliche vom Bewußtsein abgesperrt liege, durch Überwindung der Widerstände zu beseitigen. Sie tue es, indem sie das Ich zur Äußerung über seinen Inhalt veranlasse. Es habe sich aber bald für den Psychotherapeuten ergeben, daß das Anwendungsgebiet seiner am kranken Seelenleben gewonnenen Kriterien zur Wesenserfassung des seelischen Leidens überhaupt erweitert werden müsse. Da der Konflikt, d. h. die innere Entzweiung, verbunden mit der Flucht vor den Aufgaben des Lebens, und die Unmöglichkeit, mit ihm fertig zu werden, in jedem Menschen bestehe, so stand der erweiterten Anwendung der pathologischen Kriterien nichts im Wege. Die Psychotherapie habe nun, indem sie vor dem an Konflikten leidenden Menschen überhaupt stand, die gleiche Aufgabe wie die Seelsorge und wirke wie sie auf Selbsteinkehr, Umkehr und Wandlung. Die Beichte sei durchaus ein psychotherapeutischer Parallelfall. Denn die Absolution bedeute eine Ermutigung, dem Leben besser gewachsen zu sein. Dennoch bestünden starke grundsätzliche Unterschiede. Der Seelsorger führt zu Gott, der Psychotherapeut will den Leidenden gesund machen. Der Seelsorger gebe Werturteile über das Leiden ab und könne sich dabei auf eine Autorität berufen, während der Psychotherapeut, weil er keine Instanz hinter sich habe, Trost und Aufrichtung des Leidenden nicht ehrlich verantworten könne. Er müsse sich auch einer Deutung des Leidenssinnes enthalten und bleibe darauf beschränkt, Mittel zur Aufhebung des Leidens immer feiner herauszuarbeiten. Damit seien die alten festen Deutungen relativiert, ja die alten Werttafeln zertrümmert. Denn die Gottesvorstellung sei für sie eine Art infantiler Fassade und damit eine Hemmung, die, weil sie ein Leiden sei, geheilt werden müsse. Ja, das religiöse Bewußtsein könne geradezu als ein Abwehrmechanismus gegen Schuldgefühle definiert werden. Auf der andern Seite aber bezeuge die Psychotherapie, die sich nicht als Autorität gebe — der Analytiker verschwinde bewußt im Hintergrund und sei kein seelischer Vormund — eine tiefe Achtung vor der Autonomie der Persönlichkeit des Leidenden, und darum sei sie nicht irreligiös. Gerade dieser Vortrag zeigt nun eine sehr große Schwierigkeit für die Zusammenarbeit der Religionspsychologie mit der Psychiatrie, und es ist nötig, daß diese klar erkannt wird, damit späterhin keine Übel daraus erwachsen. Kronfeld hat zwar auch die Parallele zwischen Seelsorge und Psychotherapie betont, aber viel deutlicher einen Grundgegensatz herausgearbeitet: Die Psychotherapie sieht in der Religion ein Übel, das überwunden werden muß. Sie ist Krankheit und muß geheilt werden. Wir verstehen, wie es zu diesem Urteil gekommen ist. Es bildete sich im Umgang mit pathologischen Menschen in Klinik, Anstalt und Sprechzimmer. Und 40t