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Der Morgen · 1930-10-01 · Heft 4 (Oktober 1930) · p. 400

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 4 (Oktober 1930)
Article
Seelenforschung und Seeelenführung
Date
1930-10-01
Page
400 (sequence 4)
Language
German
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Herbert Grabert interessierenden Induktion wird erst deutlich, wenn man die dem gesamten Forschen Gruehns zugrunde liegende Idee und seinen Glauben erkennt. Es gibt in allem Durcheinander eine objektive Wertwelt, die der Wertordnung der Welt überhaupt entspricht. Hans V o 1 k e 11 vom Psychologischen Institut der Universität Leipzig sprach über „die Bedeutung der genetischen Ganzheitspsychologie für die Psychologie der Religion". Es ist nicht gut möglich, dieses außerordentlich komplizierte System der Ganzheitspsychologie mit seinen im kurzen Referat ganz besonders abstrakt wirkenden Begriffen in wenigen Sätzen darzustellen. Ganz schlicht und anspruchslos könnte man es dem nicht unterrichteten Leser als das Streben charakterisieren, die künstlichen Spaltungen und Aufteilungen der alten Schulpsychologie mit ihren Lokalisationen und Schichten, mit denen man künstliche, nicht lebensgerechte Trennungen vornahm, zu überwinden und mit aller Kraft zu behaupten und nachzuweisen, daß unser gesamtes inneres, seelisches und geistiges Leben ein Ganzes sei, daß ihm ein Ganzes, die Struktur oder die Gestalt, etwa im Sinne der Entelechie des Aristoteles, zugrunde liege, und es immer auch als Ganzes ein Ganzes, d. h. eben die Gestalt, wolle und schaffe. Felix Krueger, von dem diese Betrachtungsweise im wesentlichen ausgegangen ist, sprach hier von dispositionellen Dauergesamtheiten des Seelenlebens und einem Gefüge der Wertgerichtetheiten. Alle diese von Volkelt im Zusammenhang seines Systems genannten Begriffe wurden bei ihrer Anwendung auf die Psychologie der Religion durch ergreifende Beispiele aus der religiösen Welt des Kindes illustriert. Es stellt sich heraus, daß die Gottesvorstellungen des Kindes immer als Primitivgestalten des kindlichen Idealganzen zu verstehen seien. Das Eigentümliche dabei ist gerade die vom Kind vorgenommene Verschmelzung von kindlichen und dem Erwachsenen eigenen Wahrnehmungen zu einer schöpferischen Einheit. Indessen ist die primitive Gottesgemeinschaft, neben der kindlichen auch die der Naturvölker, weniger auf gegenständlichen Vorstellungen basiert als auf Tiefengefühlen., die als Tiefenzeichen aus dem Seelenraum aufsteigen. In diesen Tiefen liegt das religiöse Leben der meisten Menschen, besonders aber des Kindes, verborgen. Diese Erkenntnis ist für die praktische Pädagogik und die Seelenführung äußerst wichtig und bisher noch wenig ausgewertet, am wenigsten in der religiösen Unterweisung. In der Annahme, es komme auf die rein intellektuelle Vermittlung der Glaubensbegriffc an, verfälscht man weite Bereiche des religiösen Lebens. Diese Gedanken und Forderungen an die Pädagogen unterstrich Professor Stählin - Münster noch ganz besonders durch ein unvergeßliches Beispiel: Der religiös zu erziehende Mensch, besonders das Kind, sei mit einem Packesel zu vergleichen, dem man immer noch mehr Denkstoffe und Begriffe aufpacke, weil man ja doch von vornherein sehe, daß er nicht mehr gehen könne und unter der Last liegen bleibe. Das Beispiel ist erheiternd, aber es enthält eine schwere und nur allzuberechtigte Anklage gegen die heute übliche Religionspädagogik, die oft mehr verschüttet als aufbaut, weil der pädagogische Ansatz völlig verfehlt und unpsychologisch ist. Ob freilich hier der Kultus das Gegen- 400

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