Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1930)
- Article
- Seelenforschung und Seeelenführung
- Date
- 1930-10-01
- Page
- 398 (sequence 2)
- Language
- German
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Herbert Grabert derer: die Religionspsychologie sei gar keine strenge Wissenschaft, sondern spekulativ und konstruktiv, sie habe keine exakte Methode und könne als nichtempirische Wissenschaft keinen Anspruch auf wissenschaftliche Geltung erheben. Heute liegen die Dinge völlig anders. Wir baben eine Religionspsychologie, die nicht mehr an das Religiöse von außen her herantritt, es beklopft, diagnostiziert und katalogisiert, sondern die gerade vom Religiösen, von der schaffenden Kraft der religiösen Wirklichkeit ausgehend, ihre vielfachen Manifestationen innerhalb des gesamten Seelenlebens kennen zu lernen sucht. Dies aber nicht nur um eines bloßen Forschens willen, sondern um dem Leben zu dienen. Die Religionspsychologie ist eine Wissenschaft, die dem Leben dient. Wissenschaft, weil sie nicht willkürlich vorgeht, sondern exakt, planmäßig. Aber neben ihrer Bedeutung für die praktische Seelenführung steht die seltene Tatsache, daß in der religionspsychologischen Forschung unserer Tage sich Männer aus drei Fakultäten, der medizinischen, der theologischen und philosophischen zusammenfinden zu gemeinsamer Arbeit und, was noch verheißungsvoller ist, Männer aus allen Konfessionen Der Kongreß, von dem ich im folgenden berichten will, als der erste, den die internationale Religionspsychologische Gesellschaft vom 27.—29. Juni in Erfurt hielt, hat das in erfreulichem Maße bestätigt. Die Gesellschaft ist 1914 von Wilhelm Stählin begründet worden, mußte dann aber infolge der Zeitlage ihre offizielle Arbeit, vor allem die Werbearbeit, aufgeben. Ihr Organ war das Archiv für Religionspsychologie, von dem drei Bände vorliegen (Mohr- Tübingen). Heute hat die Gesellschaft unter der Geschäftsführung von Professor Gruehn-Berlin bereits in i5 Kulturländern ihre Vertreter und gibt das Archiv für Religionspsychologie und Seelenführung (Pfeiffer-Leipzig) neu heraus. Ihr bisheriger Vorsitzender war der Bonner Philosoph D y r o f f, der jetzige ist Professor Fischer-München. Nach zahlreichen Begrüßungsansprachen ergriff der katholische Professor Wunderle- Würzburg das Wort zu seinem Vortrag „Die Stigmatisierte von Konnersreuth". Bekanntlich hat sich das Geschehen in dem kleinen Dorfe Konnersreuth zu einem mächtigen Problem- und Tatsachenkomplex ausgedehnt, an dem die verschiedensten Menschen ihre Lösungsversuche vornehmen. Wunderle, der als Katholik sich jedes endgültigen Urteils enthielt und für seine Person in der Therese eine kindlich-fromme Persönlichkeit sieht, ist der Meinung, daß man endlich die rein medizinische Diskussion über die Hauptprobleme durch eine psychologische ablösen solle. Das Vorgehen der Psychiater sei durchaus nicht glücklich gewesen, und die Hysterie- Diagnose habe mehr geschadet als genützt. Denn der Begriff Hysterie habe etwas moralisch Anrüchiges und verderbe, auf Therese angewandt, ihren guten Leumund. Es komme nun darauf an, ohne Voreingenommenheit den gesamten seelischen Tatbestand zu ermitteln, also die Aufnahme- und Reaktionsfähigkeit der Therese, den Grad ihrer Suggestibilität, weiter die Art, wie sie die Eindrücke verarbeite, zu erforschen. Weiter sei festzustellen, in welchem Maße sie die Gabe besitze, die Ausdrucksbewegungen ihrer Umgebung wahrzu- 398