Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1930)
- Article
- Seelenforschung und Seeelenführung
- Date
- 1930-10-01
- Page
- 397 (sequence 1)
- Language
- German
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Seelenforsdiung und Seelenfährung1) Von Herbert Grabert Als vor mehr als 25 Jahren die Amerikaner Starbuck und James das religiöse Seelenleben, wie sie es und wo sie es in lebendiger Gegenwärtigkeit fassen konnten, zu erforschen begannen, galten sie als gefährliche Leute. Denn Starbuck experimentierte mit der Religion, indem er irgendwelche Menschen dazu bewog, einen Fragebogen auszufüllen, um ihre religiösen Erfahrungen und Erlebnisse festzuhalten. Irgendeine Feststellung, irgendein Rückschluß gelang ihm dabei immer, wenn er auch öfters auf die Frage: „Was bedeutet Religion für Dich?" die schneidende Antwort bekam: „Nichts, und sie scheint auch für andere, soweit ich urteilen kann, wertlos zu sein ..." Der andere, James, war Philosoph von Hause aus, aber er hatte bis in seine letzten Lebensjahre eine wahre Leidenschaft, Zeugnisse von Menschen über ihre Religion zu sammeln. Er hat auch eine Fülle von Material und Studien zu einer Psychologie und Pathologie des religiösen Lebens zusammengebracht und damit die eigentliche Religionspsychologie ins Leben gerufen. Gerade in Deutschland fanden sich bedeutende Forscher, Philosophen und Theologen, die die Methoden auszubauen und zu verbessern suchten, um in dieses ungeheure Gebiet des religiösen, und damit des Seelenlebens überhaupt tiefer eindringen zu können, als das Starbuck und James gelungen war. Sofort tauchten auch die Gegner auf. Sie wähnten die Religion in Gefahr, fürchteten, man werde versuchen, die Religion zu „erklären", d. h. sie als eine Funktion neben andern anzusehen und ihr durch diese Relativierung ihren absoluten Charakter zu nehmen. Diese Abwehr war insofern nicht sonderbar, als die Erregung über den Haeckelschen Angriff auf die Religion — er nannte Gott ein gasförmiges Säugetier — noch nicht abgeklungen war. Auch glaubte man, sich gegen die „Schnüffler", wie Nietzsche die Psychologen nannte, wehren und das Heiligste, Innerste vor ihrem profanen Zugriff schützen zu müssen. Zu diesen Vorwürfen, man löse die Religion in eine psychische Funktion auf und begehe mit seiner Zudringlichkeit in die Hoheitsgebiete der Seele eine Lästerung, kam von entgegengesetzter Seite ein anx) Bemerkungen zum I. Internationalen Religionspsychologischen Kongreß. 397