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Der Morgen · 1930-10-01 · Heft 4 (Oktober 1930) · p. 328

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 4 (Oktober 1930)
Article
Not, Hilfe und Fürsorge
Date
1930-10-01
Page
328 (sequence 14)
Language
German
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W. Elksberg „Es ist der Tempelherren Pflicht, dem Ersten Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit, Dem Besten beizuspringen, dessen Not Es für ein andres Leben in die Schanze Sie sehen. Mein Leben war mir ohnedem Zu schlagen; für ein andres — wenn's auch nur tn diesem Augenblicke lästig. Gern, Das Leben einer Jüdin -wäre." Hier ist die Aufspaltung, wie wir es wohl nennen können, besonders deutlich. Der, dem Hilfe gebracht wird, wird nicht nur nicht als Persönlichkeit gewertet, sondern sogar geradezu entwertet. Die eigene Verpflichtung, die autonome Pflicht ist alles; Sympathie und Neigung sind völlig ausgeschaltet Man denkt an den Schillerschen Spottvers über die Kantische Ethik: „Gerne dien* ich den Freunden, doch tu' ich es leider mit Neigung, Und so wurmt es mich oft, daß ich nicht tugendhaft bin. Da .ist kein andrer Rat, du mußt suchen, sie zu verachten, Und mit Abscheu alsdann tun, wie die Pflicht dir gebeut." Es ist nicht uninteressant sich zu vergegenwärtigen, wie solche Tendenzen zur Aufspaltung des Hilfsaktes, bei Lessing noch keineswegs gebilligt, in der Kantischen Ethik schon zur einzigen Grundlage werden. Noch ein weiteres Moment ist wichtig. Es gibt eine gewissermaßen klassenmäßige und zugleich auch standespsychologische gebundene Komponente in der Hilfeleistung. Bei jedem Unglücksfall auf der Straße kann man beobachten, daß es immer Männer „der schwieligen Faust" gibt, die sogleich anpacken und andere, die bei allen Mitgefühl, wie man ganz richtig sagt, „Manschetten" haben. Der Unterschied bezieht sich nicht allgemein auf den des Gefühlsmenschen und des Tatmenschen, sondern er bezeichnet eine spezifische standesmäßige Einstellung. Die standesmäßigen Gegensätze zwischen Befürsorgten und Helfer bilden ja, wie bekannt, ein äußerst schwieriges Problem. Daher zu Beginn der Nachkriegszeit die Schwierigkeiten bei der Mittelstandshilfe. Der Mittelstand war nicht gewohnt auf Differenzierung, Diskretion, kurz persönliche Gestaltung zu verzichten, selbst nicht, als er in Not war. Der aus proletarischem Dasein heraus in Not geratene und niveauverminderte Mensch wird allerdings solche Ansprüche nicht stellen, dafür aber mit seinem Mißtrauen stets bereit sein. Dieser kurze, zugleich entwicklungspsychologische, historische und genetische Überblick wollte nicht etwa eine „lineare" Entwicklung des Hilfsaktes aufzeigen — was wohl überhaupt ein unmögliches Problem ist — sondern eben nur zeigen, was alles sich im Hilfsakt verflechten kann. Es war schon bei der Kritik der einzelnen Tendenzen darauf hinzuweisen, daß sie isoliert den Hilfsakt nicht tragen können. Der Hilfsakt unserer Zeit, mannigfaltig und differen- 328

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