Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1930)
- Article
- Not, Hilfe und Fürsorge
- Date
- 1930-10-01
- Page
- 327 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Not, Hilfe und Fürsorge für das Ganze gearbeitet. Man denke an die Beschreibung der Insektenstaaten. Es -wird auch, wie man namentlich aus den Beschreibungen des Lebens der Ameisen weiß, einzelnen in Not geratenen Individuen Hilfe gebracht. Aber da spielt doch nicht die Individualhilfe, sondern die Kooperation im Interesse des Ganzen die entscheidende Rolle. Bei den höheren Tieren, namentlich bei Schimpansen, sind durch den Berliner Psychologen Wolfgang Köhler Beobachtungen gelegentlich seiner Untersuchungen über die Intelligenz gemacht worden, die für uns lehrreich sind. Unter den Tieren befand sich ein besonders begabter und geschickter Affe; Köhler beschreibt sehr hübsch, wie es diesen, wenn die weniger Geschickten mit dem Bauen nicht zurechtkamen, geradezu kribbelt, es vorzumachen oder richtig gesagt, die Tätigkeit an sich zu reißen. Ganz genau dasselbe beobachten wir bei Kinderspielen, wenn „einer nach dem anderen herankommt". Wenn das Werk vollbracht wird, das der Ungeschickte nicht leistet, so ist das wiederum keine persönliche Hilfe und auch nicht Gruppenhilfe wie bei den ersten Beispielen, sondern eine Tätigkeit aus der Funktionsfreude heraus, bei welcher dann gewissermaßen als Epiphänomen auch Hilfe gebracht wird. Übrigens entstehen daraus auch, wie man in jeder Klasse beobachten kann, dauernde Beziehungen, indem der Schwächere, Leistungsunfähigere schlau genug ist, den Tätigkeitsdrang des Überlegenen immer wieder einzuspannen. Wir beobachten nun, namentlich bei Kindern auch noch andere Formen unechter Hilfe. Es gibt Kinder, die instinktiv bemuttern; die sich nur solange mit jemand beschäftigen, als sie Veranlassung haben, ihm Hilfe zu bringen. Etwas ähnliches sehen wir in den geistigen Grundlagen der Caritas. Dem Armen geben, bringt Gotteslohn. Eben auf diesen Gotteslohn, auf die Beziehung der eigenen Seele zu Gott, und nicht auf das Verhältnis zum Armen, kommt es an. Die Hilfe ist in ausgesprochener Weise ein Epiphänomen, z. B. bei den wohltätigen Veranstaltungen in der Gesellschaft So auch das Kind. Es hilft, wenn die Situation es erfordert, springt bei, nicht nur aus Tätigkeitsdrang, aber wiederum ohne persönlichen Kontakt. Dieser Typus der Hilfeleistung wird in manchen Formen der Kinder- und Jugenderziehung besonders gepflegt. Das Gebot heißt: „Tue jeden Tag eine gute Tat". Es ist nicht zu verkennen, daß dabei die eigene Tat oft mehr gesucht wird, als der Kontakt mit dem Hilfsbedürftigen. Besonders deutlich ist dieser Typus geschildert in den Worten des Tempelherrn in Lessings „Nathan": 327