Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1930)
- Article
- Not, Hilfe und Fürsorge
- Date
- 1930-10-01
- Page
- 325 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Not, Hilfe uad Fürsorga als daß der Versuch gemacht wird, erst einmal die allgemeinen Voraussetzungen zu finden, damit der einzelne Hilfsakt fruchtbar werden kann. Diese allgemeinen Voraussetzungen, letztlich begründet im Menschentum des Helfers, in Worte zu fassen, ist auch für den Hilfsakt außerordentlich schwierig. Man kann wissenschaftlich den einzelnen Notstand in durchaus zureichender Weise erfassen, man kann sich über die Persönlichkeit des in Not befindlichen klar sein und wird doch nicht zu jenem Kontakt kommen und doch nicht jenes Wunder vollbringen können, ohne welches jede Hilfe dauernd vorbeigreifen muß. Wir sagten oben, daß unserem Zeitalter die religiösen Stimmungen und die Massenwirkungen der Suggestion versagt sind, wenigstens nach allem, was wir wissen in jenen Schichten, welchen der elementare Bedarf für Geist, Körper und Seele nicht sicher gestellt ist. Es liegt ja eine innere Notwendigkeit darin, daß Coue, Gallspach und die moderne Psychotherapie in ihren Wirkungen nicht unter den Mittelstand hinabgreifen können, d. h. unter jene Schicht, die seelisch und geistig noch eben in der Lage ist, das Wunder der Übertragung, der Bindung aus innerer Kraft an dem Helfer zu vollziehen. In den uns interessierenden Fällen muß die Bindung ohne solche noch vorhandene Kräfte, oft sogar gegen einen starren stumpfen Widerstand, geleistet werden. Und ein weiteres Hindernis: Wir wissen zwar, daß in solchen seelischen Verfassungen Zwang, Verpflichtung, Disziplin nicht nur äußerlich wirken, sondern oft auch noch den Rest seelischer Aktivität gewinnen können. Aber auch diese Möglichkeit fällt in der Fürsorge fort und muß fortfallen. Was bleibt? Nichts anderes als zähes, geduldiges, hingegebenes Ringen um Vertrauen, unterbaut von Begabung zur Menschenkenntnis. Und dann noch etwas weiteres, worin wohl das eigentliche Geheimnis liegt. Der Führer wird sehr häufig bei allem, was er tun will, auf den entmutigenden Einwurf stoßen: „Wozu das alles? Warum soll ich versuchen meine Energie aufrecht zu erhalten? Warum soll ich diesen oder jenen Kurs mitmachen? Können Sie mir garantieren, daß ich in absehbarer Zeit eine Stelle finde?" Es wäre ein Mißverstehen des Führertums, wollte man den Führer mit dem Ziel gleichsetzen. Führer ist nicht, wer das Ziel kennt, sondern wer die Bewegung aufrecht zu erhalten versteht. Ein Gleichnis dieses Führertums ist die Flammensäule, welche in der Wüste voranleuchtet, in allem hin und wieder, welche die Bewegung 4o Jahre aufrecht erhält; das Ziel aber liegt, vielleicht unbekannt, irgendwo in weiter Ferne. So ist es auch mit dem geistigen Führertum. Führer 325