Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1930)
- Article
- Not, Hilfe und Fürsorge
- Date
- 1930-10-01
- Page
- 324 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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W. Eliasberg Zusammenhang nur die heilenden psychologischen Wirkungen. Für den Klassenkampf habe ich diese überraschende Wirkung, den das Ankerfinden der Seele im Diesseits als die Dialektik des Klassenkampfes beschrieben in „Untersuchungen über die Psychotherapie der abhängigen Arbeit". Wir müssen uns diesen Fall vor Augen halten, obgleich der konkrete Notfall, mit dem wir es als Fürsorger zu tun haben, gerade dieser Leistung der Vereinigung mit den Standes- und Klassengenossen bekanntlich nicht fähig ist Man hat wohl gesagt, daß der Mensch dem Menschen ein Wolf sei; für den Armen gilt das besonders. Niemand ist so exklusiv wie der Bettler in seinem Revier; niemand habe ich so über die Massen klagen hören wie den Arbeitslosen, der zum Stempeln geht. Die Armut ist nicht organisationsfähig; der einzelne Mensch in der Not ist es auch nicht.1) Die Masse der durch Not Gebeugten, z. B. der Arbeitslosen, bringt jene Bindungen nicht auf, durch die der Führer sozusagen als aus dem Urnichts erzeugt wird. Dem Einzelnen in Not muß sich der Führer nahen. Darum ist alle wahre Fürsorge in unserer Zeit in ihren tiefsten Voraussetzungen nachgehend, und zwar in diesem Sinne: Es ist zwar richtig, daß die meisten Notfälle ebenso wie die meisten Erkrankungen durch die Initiative des in Not Befindlichen zur Kenntnis des Helfers gelangen, aber damit ist die Initiative erschöpft. Das Nachgehen muß beginnen. Alles was hier wissenschaftlich über die typischen und durchschnittlichen Ursachen von Not und Verarmung bekannt sein kann, muß herangezogen werden. Der erfahrene Helfer wird aber bemerken, daß unter den Ursachen der Verarmung ein inneres Moment eine sehr große Rolle spielt, nämlich der psychopathische Charakter. Gemeint ist jener Charakter, der von Anbeginn an in Angst vor dem Leben, in einem durchbohrenden Gefühl von Schuld, Schwäche, Minderwertigkeit lebt, und daher oft maßlose Überforderungen an das Leben stellt, in einem Verhältnis nämlich nur zu seiner eigenerlebten Unterwertigkeit. Kurz jene Charaktere, bei denen das Gleichgewicht zwischen Ansprüchen und Leistungen heillos gestört ist. Wenn solche Charaktere schon nicht selten in Notstände geraten, so haben wir ja bereits dargetan, daß die Notsituation als solche ein ganz ähnliches Motivverhalten erzeugt. Situation also und Anlage verstärken sich hier. Man wird wiederum zugeben, daß nichts so wichtig ist, *) Von den auf Grund von Berechtigungen entstandenen Organisationen, z. B. der Kriegs- ]>eschädigten, kann abgesehen werden. Bei innen werden nicht Notstände, sondern erworbene Rechte organisiert. 324