Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1930)
- Article
- Not, Hilfe und Fürsorge
- Date
- 1930-10-01
- Page
- 323 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Not, Hilfe und Fürsorge weil es keinen Aufwand ermöglicht, gar kein irgendwie stabiler, erträglicher Zustand. Jemand das Existenzminimum gewähren, heißt also nicht ihn wieder in den Stand setzen. Auch aus diesem Grund ist es notwendig, daß der Helfer sich von Anfang an von allen finanziellen Gesichtspunkten freimacht In der Praxis findet man es sehr häufig, daß schon bei der Erhebung der „Anamnese" d. h. wenn der Hilfsbedürftige seinen Notstand schildert, der Helfer durch den Gedanken an die vorhandenen Geldmittel beeinflußt, schon von der Darstellung abzustreichen sich bemüht, schon mit unwilligem Ohr hinhört. Das ist ganz verkehrt Abgesehen davon, daß das Vertrauensverhältnis gestört wird, nimmt sich der Helfer selbst die Möglichkeit, den Notstand, in seiner ganzen Subjektivität kennen zu lernen. Die rechnerische Bewältigung des Notstandes sollte nie am Anfang stehen, sondern wirklich nur den Schlußstein bilden. IV. Notstände können geheilt werden. Daß sie geheilt werden sollen, verlangen ja auch die Richtlinien der Grundsätze. Mit dem Heilen der Not ernst zu machen, ist vielleicht eine der wichtigsten Aufgaben der Fürsorge. In der alten Heilkunst und neuerdings wieder in der modernen Medizin ist man sich dessen bewußt geworden, daß jeder lokale Heilvorgang eingebettet ist und abhängt von allgemeinen Zusammenhängen, nicht nur von einer Heilung sozusagen des ganzen Organismus, sondern auch seiner Beziehungen zu seinesgleichen und der Welt überhaupt1) Das Organ heilt im Mikrokosmos und der Mikrokosmos im Makrokosmos. Solche makrokosmische Heilung, auch Erlösung genannt, ist ja, wie die Geschichte der Religionen zeigt, gerade von wirtschaftlichen Notständen und von der Masse der Erniedrigten und Beleidigten ausgegangen. Was war da das Geheimnis der Erlösung? Zunächst einmal dieses, daß die Niveauerniedrigung, von der wir eben sprachen, nicht zu einer Beugung und Lähmung führt, daß die Seelen der vielen Schwachen sich vereinigen. Allerdings nicht zum Kampf gegen die Stärkeren; sondern aus dieser Vereinigung entstand zuerst ein neuer Glaube, ein neues Reich. Wir haben in der Neuzeit die Schwachen zum Frontangriff gegen die besitzenden Klassen sich vereinigen sehen, unter dem Zeichen des Klassenkampfes. Uns interessieren in diesiem *) Vergl. hierzu die modernen Bestrebungen zur sozialen Krankenhausfürsorge: Richard Cabot , Boston. Soz. Krankenhausfürsorge, Bericht der internationalen Konferenz für Wohlfahrtspflege und Sozialpolitik, Paris 9.—10. Juli 1928. 323