Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 307 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2895450-2895491-2895495-2900791--04527-2900906- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Anzeigen schön an der Gegenüberstellung von Wilhelm von Humboldt und Alexander von Humboldt — anschaulich gemacht werden. Für eine derartige, auf die biologischkonstitutionellen und seelischen Hintergründe eingestellte Betrachtung wird etwa bei Goethe hinter dem Vordergrundsbild eine dunkle biologische Periodik sichtbar. In Bismarck erscheint eng verwoben mit dem Heroischen eine komplizierte nervöse Labilität. In solchen Machtmenschen wirkt doch nicht immer ein „Wille zur Macht": Luther, der Grübler, der nach schweren Depressionen in inneren Kämpfen zum Heros und zur explosivsten Spannkraft seines Jahrhunderts wurde, war — „nicht ein Wille zur Macht, sondern eine Macht Widerwillen". Und Robespierre, der die Menschen mit Gewalt zur Tugend bekehren wollte, in dem Pedanterie zur Seelengröße wurde, dies „fleischgewordene Prinzip", wie ihn ein Biograph nennt, war ein schüchterner, kränklicher, weltfremder Pedant und doch einer der blutigsten Herrenmenschen. Der „Weltverbesserer" Rousseau erscheint so als ein kindlicher Mensch, der der frivolen Rokokokultur verständnislos gegenüberstand, der infantil am Bild der Mutter hängen geblieben und die Widersprüche seiner Persönlichkeit mit ihren infantilen und perversen Komponenten nicht bewältigen konnte. Rousseau hat das Schuldgefühl eines sensitiven Idealisten, das sich bis zum Verfolgungswahn steigerte, und den Schmerz des Zurückblickens in ein leidenschaftlich-prophetisches Zukunftspathos verwandelt. Aus der Sehnsucht nach verlorenen, glücklichen Jugendtagen wurde in Ihm der Traum und die Verkündung eines brüderlichen Menschheitsparadieses. Besonders bemerkenswert sind die Erörterungen über Genie und Rasse. Kretschmer vertritt den Gedanken und sucht ihn statistisch zu erweisen, daß die stärkste Genieproduktion stets aus den Vermischungszonen der verschiedenen Rassen, z.B. aus der nordisch-alpinen Mischzone (in Deutschland, bes. Sachsen, Schwaben) hervorgegangen ist und legt dies an mannigfachem Material sowohl aus der heutigen Zeit wie auch aus dem Renaissance- und Barockzeitalter näher dar. Diese Gedankengänge sind bei der mangelnden Geklärtheit der Rassenprobleme vielleicht nicht durchweg stichhaltig. Desto uneingeschränkter wird man der grundsätzlichen Stellung Kretschmers zu den heute herrschenden Rassentheorien zustimmen können. Die Verblendung, mit der gewisse Rassentheoretiker wie* z.B. Günther die nordische Rasse als allein ideale und schöpferische preist, während etwa die alpine Rasse sich „in eine Herde von stumpfsinnigen, verspießerten, rundköpfigen braunen Sklavenseelen verdunkelt", wird an den gegensätzlichen Rassentheorien gewisser Franzosen und Italiener satirisch beleuchtet. Da erscheinen nun die nordischen Helden Günthers wie ein „ungeheueres Heer von langen langköpfigen semmelblonden Schafsnasen, von steifen englischen Gouvernanten, von vermeintlichen preußischen Leutnants und Oberlehrern in Witzblattkarikatur, von steifen, brutalen, genielosen Pedanten". Kretschmer warnt auch mit Recht vor dem voreiligen Urteil über Blüte und Absterben von Kulturen und setzt sich dabei in interessanten Erörterungen mit Spengler auseinander. „Wer weiß, wann es in der Wüste von Babylon oder Arabien, in Ägypten oder in China wieder zu blühen beginnt? Es blüht immer und vielleicht auch immer wieder an den alten Stätten. Wer kann es wissen? Und was ist unter solchen großen Perspektiven .Abendland" und „Untergang"? Das Leben hat einen großen Atem und weiß nichts von unsern kleinen Geschichtsepochen, Kulturindividualitäten und Individualitäten." Man kann gegen das Kretschmersche Buch einwenden, daß über der Herausarbeitung der biopsychologischen Fundamente des genialen Menschen das Nafcurhafte gegenüber dem Geistigen allzusehr betont und die geistesgeschichtliche Kontinuität, von der der Geniale getragen ist, zu wenig berücksichtigt wird. Aber derartige Untersuchungen lagen so wenig in der Richtung der Analyse des Genialen, wie sie Kretschmer anstrebte, daß man ihr Fehlen dem Buch nicht zum Vorwurf machen kann. — Das Buch ist eine große Leistung, besonders die lebensvollen Bilder einzelner Genialer zeigen eine staunenswerte Kraft der Zusammenschau. Die Schau des Ganzen und die Analyse des Einzelnen gelangen hier in seltener Vollkommenheit zur Deckung. Das Seltsame in der Wirkung des Buches ist aber das, daß das unbeirrte Aufzeigen des Allzumenschlichen im Genialen uns nirgends den Wert der genialen Schöpfungen verringert. Der schöpferische Mensch selbst aber in seinen Leiden und Kämpfen rückt uns menschlich 307