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Der Morgen · 1930-08-01 · Heft 3 (August 1930) · p. 306

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 3 (August 1930)
Article
[Rezension]
Date
1930-08-01
Page
306 (sequence 1)
Language
German
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Anzeigen E. Kretschmer: Geniale Menschen. Berlin 1929, J- Springer. 253 Seiten, Tarosch. M. 12.—, geb. TM i5.—. "Wer sich in den Sinn und Wertgehalt großer genialer Schöpfungen versenkt, will das Werk in seinem Eigengehalt sehen und frei von jedem Hinblick auf die Bedingungen seines Entstehens auf sich wirken lassen. Wer sich jedoch ein tieferes Wissen von dem Werk erringen will, dem wird die Erkenntnis von der Entstehungsgeschichte des Werkes und dem Aufbau der Persönlichkeit des Schöpfers unentbehrlich sein. Aber solche Erkenntnis, die die zum Werk sich gestaltenden Triebkräfte der schöpferischen Persönlichkeit analytisch bloßlegt, wird von manchen Verehrern genialer Schöpfungen abgewehrt aus dem Gefühl, daß der Glanz des genialen Werkes durch die Aufdeckung der menschlich allzumenschlichen Seiten seines Schöpfers eine Trübung erleiden könne. Insbesondere begegnet die „Pathographie" weitgehend starker Abneigung und — zum Teil berechtigten — Bedenken. Kretschmers Buch zeigt hier neue Möglichkeiten. Ihm wird die biologisch-psychologische Analyse zu einem Forschungsinstrument, das ungeahnte Hintergründe des schöpferischen Menschen erschließt, das in die Entstehungsgeschichte der Werke neu hineinleuchtet und das doch nie den Glanz des Werkes zerstört. Das Buch gliedert sich in zwei Abschnitte. Im ersten werden Gesetzlichkeit und Aufbau des genialen Seelenlebens herausgearbeitet, im zweiten Bilder und Analysen einzelner Genialer gegeben. Kretschmer hat dde schöpferischen Qualitäten, die die unentbehrliche Voraussetzung genialer Leistungen darstellen, nicht übersehen. Aber seine Analyse erstreckt sich vorzugsweise auf die komplizierte seelische Dynamik und auf die pathologischen Faktoren, die darin wirksam sind. Die Auflockerung der geistigen Struktur, die Labilität und Überempfindlichkeit, die große seelische Spannweite des Genialen sind von psychopathischen Zügen nicht zu unterscheiden. Aber diese psychopathologischen Teilelemente sind ein unentbehrlicher Aufbaubestandteil, der dem Genialen das „Daimonion" verleiht. Auch Geisteskrankheit wirkt, allerdings nur unter besonderen Konstellationen, bei an sich hoch Begabten leistungsfordernd (beginnende Schizophrenie und dergl.). Notwendig ist nur immer, daß die schroffen inneren Antithesen und die labile nervöse Überfeinerung, die der psychopathologische Bluteinschlag mit sich bringt, von der Gesamtpersönlichkeit gebändigt und fruchtbar verwertet werden können. Eine derartige Geniebetrachtung muß Triebhaftigkeit und Geistigkeit nahe beisammen sehen. Sie wird einem Blick haben für die komplizierten Triebverwandlungen auf dem Gebiet der sexuellen und sexualverwandten oder der gewalt- und schmerzsüchtigen Triebe, für homeoerotische Sublämierungen in Freundschaft und Pädagogik, für die Schmerz- und Quälsucht in den Gestalten eines Kleist und Dostojewski, für die nahe Beziehung von Askese und abstrakter Pflichtmoral zur Grausamkeit, für die triebhaften Wurzeln mancher religiöser Richtungen. Auch das Zusammenspiel von Selbstwertzweifeln und Werterhöhungsstreben mit der Dynamik einer komplizierten Sexualstruktur (etwa bei Rousseau, Strindberg) wird ihr sichtbar werden. Kretschmer stößt aber noch weiter ins Biologische vor. Seine Körperbau- und Charakterforschung vermag Beziehungen der Begabungsrichtung Genialer zu ihrer Körperbau- und Charakterart aufzuweisen, die an der beigegebenen Porträtssammlung — besonders 306

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