Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- Religiöser Sozialismus und die Poale-Zion
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 304 (sequence 2)
- Language
- German
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Fritz Fraentel gegnerisch. WirkHchkeitsfremdheit ist ein starkes Hemmnis für den Klassenkampf, für die Einordnung der jüdischen Arbeiter in die Reihen der sozialistischen Bewegung. In Palästina sind es die Vertreter der überlieferten Form der Religion, die gegen die sozialistische Form der jungen palästinensischen Arbeiterkolonisation, gegen die Kulturarbeit der jüdischen Arbeiterschaft, gegen deren politischen Einfluß kämpfen. Auch gegen jene unrealistische Metaphysik, die den Chassidismus ungerechtfertigterweise idealisiert, stellt sich die Poale-Zion ebenso entschieden, wie gegen die organisierte Religion in der jüdischen Gesellschaft, und inkonsequent erscheint ihr die Haltung von Sozialdemokraten, die innerhalb der jüdischen Gesellschaft sich nicht zur Arbeiterbewegung rechnen; denn wieso sollen die Grundsätze, die den Menschen zum Kampf für den Sozialismus und die Umwandlung der Gesellschaftsordnung getrieben und seine Einreihung in eine Klassenkampf Organisation herbeigeführt haben, plötzlich innerhalb der jüdischen Gesellschaft außer Kraft gesetzt worden sein? Dabei weiß sich die Poale-Zion frei von jeder Tempelstürmerei und Altäre- Einreißerei; als einer soziologisch denkenden Gruppe ist ihr jeder unhistorische Revolutionarismus fremd. Die Poale-Zion teilt mit allen sozialistischen Parteien die Erkenntnis, daß der Kampf um eine soziale Änderung der heutigen Ordnung auch die Menschen ändert, die an diesem Kampfe teilnehmen, und glaubt mit Otto Bauer, dem österreichischen sozialistischen Führer, daß sie "die religiös denkenden Proletarier nur gewinnen kann, wenn sie jeden als gleichberechtigten vollwertigen Kampfgenossen willkommen heißt, der mit ihr den Kampf um die irdischen Ziele teilt, wie immer er über den Himmel denkt. Der Ausgangspunkt der Poale-Zion in ihrer Stellung zur Religion kann kein anderer sein als ein rein soziologischer. Wer aus einer nominalistischen und formalistischen Befangenheit nicht herauskommt, wird in der Organisationsform der jüdischen Gesellschaft, der jüdischen Gemeinde, nur die Religionsgemeinde sehen. Die Soziologie pflegt ja nun eine voraussetzungslose, kritische Wissenschaft zu sein, sie begnügt sich nicht mit amtlichen Determinationen; bei der Analyse der soziologischen Struktur der jüdischen Gemeinde muß sie feststellen, daß ihrer alltäglichen Praxis nach, ihrer Verbundenheit mit den Fragen des Arbeitsnachweises, der Jugendfürsorge, der Jugendpflege, den Ferienkolonien, den Beamtengehältern, dem Palästinaaufbau, der Berufsberatung und der Sorge um die Produktivierung jüdischer Menschen, die jüdische Gemeinde eine vorwiegend weltlich-soziale Institution ist. Während nun die Poale-Zion, ebenso wie der zionistische Teil des jüdischen Bürgertums, dieser Wirklichkeit ihre Theorie anzupassen wußte, leugnet der nichtzionistische Teil des bürgerlichen Judentums diese tatsächliche längst vollzogene Säkularisierung der jüdischen Gesellschaft. Darum konnte sich die Poale- Zion wohl an den Wahlen zur jüdischen Gemeinde, nicht jedoch an den Wahlen zu einem „Synagogenrat" beteiligen. Es ist nun klar, daß die Poale-Zion an der Behandlung rein religiöser und Kult-Angelegenheiten nicht interessiert ist. Als Ziel in ihrer Gemeindearbeit schwebt ihr die Trennung der religiösen 304