Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- Religiöser Sozialismus und die Poale-Zion
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 305 (sequence 3)
- Language
- German
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Religiöser Sozialismus und die Poale-Zion Aufgaben von den anderen Aufgaben vor, wie dies in Hamburg durchgeführt ist; an den Diskussionen über Chor, Orgel usw. pflegen sich z. B. die Vertreter der Poale-Zion in den Großgemeinden Berlin und Leipzig nicht zu beteiligen. Wenn die Poale-Zion für die Verbüligung von Koscherfleisch eintritt, so nicht, weil die Poale-Zion religiöskultisch gebunden ist, sondern weil die tatsächlichen Verhältnisse, hervorgerufen durch die Kompliziertheit des jüdischen Lebens, eine andere Stellung als unsozial nicht zulassen würden. Durch die Aufrechterhaltung des amtlichen Charakters der Religionsgemeinde wird auch in die Kreise nichtjüdischer Sozialisten die irrtümliche, den Tatsachen nicht entsprechende Auffassung hineingetragen, die jüdische Gemeinde wäre lediglich eine religiöse Körperschaft, und je nach der religiös-sozialistischen oder freidenkerischen Einstellung des nicht jüdischen Genossen wird dem jüdischen Sozialisten der Rat gegeben, für eine „religiöse Erneuerung" innerhalb der Gemeinde zu kämpfen oder dieser klerikal-reaktionären Institution den Rücken zu kehren. Es liegt auf der Hand, daß diese Denkart, wie aufgezeigt, bei "beiden Gruppen auf ein und derselben Fehlvoraussetzung beruht. Unter dem Druck der Realitäten sind die Poale-Zion-Gemeindeparteien in den verschiedensten Städten entstanden, das Überwiegen der sozialen Aufgaben der Gemeinde zwingt dazu, jede Religionsgemeinschaftsideologie zu revidieren. Während durch die Auffassung von der Poale-Zion als einer religiös-sozialistischen Gruppe diese mit ihrer konsequent marxistischen sozial- und geistesrevolutionären Grundauffassung verkannt werden, tragen manche Freidenker aus eben derselben Unkenntnis zur Erschwerung des Kampfes ihrer jüdischen Klassengenossen innerhalb der jüdischen Gesellschaft bei und wirken so, sei es durch die Propagierung des Austrittes aus der „Synagoge", sei es durch die Weigerung der Aufnahme von jüdischen Freidenkern in die Freidenkerorganisationen, sowohl störend auf die konkrete soziale jüdische Gemeindearbeit als auch auf die Stärkung der Freidenkerorganisation. Allmählich, aber sicher dringt die Einsicht durch, daß die jüdische Welt von ebendenselben Gesetzen geleitet wird wie die übrige Welt. Aus dem immer stärker werdenden Verweltlichungsprozeß des Lebens und des Geistes erschließt sich die einfache Erkenntnis, daß der jüdische Arbeiter und Angestellte, der jüdische Sozialist, seinen Kampf da ausficht, wo ein Teil seiner Klassenfront klar gegeben ist: in der jüdischen Gemeinde. Der grundsätzliche Unterschied zwischen den Bünden der religiösen Sozialisten und der Poale-Zion als einer klassenkämpferischen weltlich zionistisch - sozialistischen Partei wäre somit bewiesen. Quod erat demonstrandum! 305