Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- Zur Problematik des Rassebegriffes
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 287 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Problematik des Rassebegriffes 4- Angesichts der dargelegten biologischen, psychologischen und soziologischen Tatsachen müssen wir uns durchaus ablehnend verhalten gegenüber allen Bestrebungen, die das politische, gesellschaftliche und kulturelle Leben auf das Rassepninzip basieren wollen. Und zwar erstens aus dem Grunde, weil die „Rasse" völlig irrational und unfaßbar ist, weil daher zweitens jenes Verfahren durchaus undurchführbar ist und drittens, weil das angestrebte Ergebnis außerdem nicht halten würde, was man davon erhofft Um die Kultur in allen ihren Formen auf die Rasse aufzubauen, müßten wir imstande sein, wirklich exakt die verschiedenen Rassen gegeneinander abzugrenzen. Das ist jedoch nicht möglich, weil alle heute lebenden Individuen, aber auch alle Gruppen und Völker, Mischprodukte sind. Das läßt sich im Einzelfall nicht immer nachweisen, wohl aber aus einer geschichtlichen Betrachtung im großen, wenn wir überlegen, wieviel Völker ganz verschiedenen Blutes sich z. B. auf deutschem Boden gemischt haben: vorarische Urbevölkerung, Kelten, Römer, Germanen, Hunnen, Slaven, Madjaren, Juden und andere, die zum Teil nur zeitweise auf Kriegszügen eingedrungen sind, aber durch Vergewaltigung einheimischer Frauen doch ihr „Blut" mit dem der „Deutschen" gemischt haben. Angesichts der unzweifelhaft sehr häufigen illegitimen Verbindungen ist es naiv, aus einem Stammbaum die wirkliche Deszendenz ablesen zu wollen, und mancher auf sein reines Blut stolze Adlige hat, dank des zügellosen Lebens seiner Vorfahren, weit mehr Blutsverwandte in den unteren Volksschichten, als er ahnt Und mancher rassestolze Antisemit hat nicht nur infolge illegitimer Verbindungen, sondern auch infolge des Umstandes, daß zu allen Zeiten Juden sich taufen ließen und dann als Christen galten, weit mehr jüdisches Blut in den Adern, als er weißr Denn Blutsverwandtschaft ist ja nicht nur eine Tatsache ferner Vergangenheit, sie bildet sich immer aufs neue: Ein Volk ist verwandt nicht nur durch seine Urahnen, es wird verwandt und immer mehr verwandt durch die Heiraten und die gemeinsamen Nachkommen. Daher kann auch kein noch so radikaler Rassetheoretiker verhindern, daß sein vermeintlich „reines Blut" sich nicht schon in der nächsten oder übernächsten Generation mit ganz „rassefremdem" Blut mischt Denn die Richtung des Blutes wird nicht durch Theorie und auch nicht, wie wir zeigten, durch „Instinkte" geleitet, sondern durch un- 287