Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- Zur Problematik des Rassebegriffes
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 286 (sequence 8)
- Language
- German
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Richard Müller-Freienfels wie sehr es in deren Kunst den Ausdruck eignen Gemütslebens wiederfand. Aber selbst ausgesprochene Verschiedenheit des Fühlens und Denkens braucht nicht zu Antipathie zu führen, ja sie kann gerade Grund warmen Interesses und herzlicher Sympathie werden. Hat etwa die unbezweifelte Tatsache der echt slavischen Art von Chopin, Tolstoi, Dostojewski verhindert, daß viele Deutsche diese Künstler aufrichtig lieben? Haben nicht unzählige deutsche Christen in den Psalmen, in den Sprüchen der Juden Jesaias, Jesus, Paulus starke Bereicherung ihres eigenen Gefühlslebens erfahren? Dieselben, die sich durch Lehren ihrer Rassegenossen Schopenhauer, Nietzsche, Haeckei aufs tiefste in ihrem innersten Gefühl verletzt fühlten? Nein, die Gründe für Sympathie und Antipathie zwischen den Menschen sind nicht so simpel, wie jene annehmen, die sie auf Augen- und Haarfarbe mit deren angeblichen seelischen Korrelationen glauben zurückführen zu können. Ob einer „edel" oder „unedel" ist, hängt nicht davon ab, ob er ein Langschädel ist oder nicht, vielmehr gibt es (und gerade die deutschesten Dichter und Denker haben das stets betont) eine „Gemeinschaft der Edlen", die nicht von Haar- und Augenfarbe, nicht von Religion und Völkszugehörigkeit abhängig ist Die Menschen nach ihren rein biologisch bedingten Merkmalen sondern, und die ganze Kultur auf die Rassezugehörigkeit beschränken, heißt den Menschen auf ein rein tierisches Niveau herabdrücken! Wir denken gewiß nicht daran, völlige Gleichartigkeit oder Gleichwertigkeit der menschlichen Individuen und Typen behaupten zu wollen. Aber es ist in keiner Weise wissenschaftlich haltbar, alles Gute und Wertvolle von der Rassezugehörigkeit abhängig zu machen. Gerade die Zusammenarbeit verschiedener Rassen und Kulturen ist fruchtbar geworden. Und wenn man z. B. auf den Adel verweisend sagt, daß hier die Inzucht besonders wertvolles Menschenmaterial erzeugt habe, so ist es noch eine große Frage, ob das wirklich eine Folge von Blutverhältnissen und nicht vielmehr die Folge von Reichtum, guter Erziehung und anderer soziologischer Tatsachen ist. Wenn man von der Bedeutung biologischer Verhältnisse für die Kultur redet, muß man die soziologischen und psychologischen Einflüsse berücksichtigen.1) Was dann an Sicherem übrig bleibt, ist wenig genug. x) Das versucht ausführlich mein Werk: „Sozialpsychologie". Johann Amb. Barth. 1980. Ferner vergleiche man mein Buch: „Psychologie des deutschen Menschen und seine Kultur". Zweite, stark umgeänderte Auflage. C. A. Beck. 1939. 286