Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- Zur Problematik des Rassebegriffes
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 288 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895491-2895495-2900786--04503-2900887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Richard Müller-Freienfels übersehbare Konstellationen, über die niemand Herr ist Aus diesem Grunde behaupten wir, daß alle „Rasse" ein völlig irrationaler Faktor ist Damit aber ist auch' bereits gegeben, daß alle bewußte „Rassepolitik" undurchführbar ist Wie soll man eine Politik und eine Kultur der „reinen Rasse" durchführen, wenn es reine Rasse gar nicht gibt oder wenn diese zum mindesten nicht festzustellen ist? Angesichts der ungeheuren Verflochtenheit aller Erblinien ist es nur eine Kinderei, aus dem physiognomischen Typus eines heutigen Menschen seine Erblinie feststellen zu wollen. Es fehlte unserem konfessionell, sozial, provinzial so zerklüfteten Volke gerade noch, daß sich die blaublonden Langschädel als „nordische Rasse" organisierten und die Westler, Dinarier und Ostischen befehdeten, worauf diese ihrerseits siah zusammenschließen würden. Und wer will dann die Rothaarigen verhindern, sich ihrerseits als besondere Rasse zusammenzutun, unter Berufung auf Barbarossa und Schiller, sich1 als besonders befähigt zu erklären und alle andern als minderwertige Individuen zu verachten? Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wären sie dazu genau so berechtigt, wie die blaublonden LangschädeL Zum Glück wird die Durchführung ihrer Pläne allen solchen angeblichen Reinrassigen nicht glücken; denn die Mehrheit der Menschen wird über ihre Theorien hinweggehen und wird, sich lieben und Kinder zeugen, ohne Haarfarbe und Schädelform als ausschließliche Qualifikation dafür zu beachten. Zum Glück! sagen wir. Denn ein Kultus der Rasse im Sinne gemeinsamer Abstammung müßte notwendig zur Stagnation führen. Es läßt sich nachweisen, daß die Bewegung der Kulturentwicklung gerade durch die Mischung verschiedener Gruppen bedingt ist Besonders als Auffrischung überkultivierten Menschenmaterials durch unverbrauchte Völker hat die Rassemischung belebend gewirkt, während übertriebene Inzucht in Familien und größeren Gruppen sich als geradezu lebensfeindlich erweist Wenn neuerdings von Rassefanatikern versucht wird zu beweisen, daß alle Hochkultur in Italien, Frankreich usw. auf Menschen germanischer Abstammung zurückzuführen sei, so könnte man umgekehrt auch argumentieren, daß die Germanen nur dort oder wenigstens weit früher zu hoher Kultur gelangt seien, wo sie sich mit einer nichtgermanischen Bevölkerung gemischt hatten. Denn nicht die Provinzen in Deutschland, wo die meisten Blondhaarigen wohnen, also Mecklenburg, Pommern, Friesland sind die eigentlichen Kulturträger gewesen, sondern gerade die rheinischen, süd- und mitteldeutschen Provinzen, in denen das dunkelhaarige Element einen starken Prozentsatz bildet Man brauche nicht 288