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Der Morgen · 1930-08-01 · Heft 3 (August 1930) · p. 284

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 3 (August 1930)
Article
Zur Problematik des Rassebegriffes
Date
1930-08-01
Page
284 (sequence 6)
Language
German
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Richard Müller-Freienfels Auf menschliche Verhältnisse übertragen würde die Fragestellung lauten müssen: ist dort, wo Menschen verschiedener Typen sich antipathisch sind, dieser Instinkt Ursache oder Folge sozialer Konstellationen. Die Frage ist pauschal nicht zu erledigen. Zweifellos gibt es angeborene Temperaments¬ oder Geistesverschiedenheiten, die zu Haß und Abneigung führen müssen. Andrerseits jedoch bedingt Gleichheit des Blutes keineswegs auch Sympathie. Im Gegenteil, der Haß zwischen Brüdern und Verwandten ist oft ganz besonders erbittert Wo wir Antipathie und Haß zwischen Angehörigen verschiedener „Rassen" finden, braucht dies Gefühl keineswegs aufs „Blut" zurückzugehen, sondern kann zwischen einzelnen Vertretern jener Gruppen durchaus individuell sein; er kann auch durch soziale und kulturelle Gegensätze bedingt sein. Es wäre Sache der Rassetheoretiker, nachzuweisen, daß dort, wo sie „Feindschaft des Blutes" behaupten, wirklich Feindschaft des Blutes und nicht Gegensätze der sozialen und kulturellen Gesinnung vorliegen. Dieser Beweis ist nirgends erbracht und wird nirgends erbracht werden. Wo eine solche natürliche Rassegegensätzlichkeit behauptet wird, wie zwischen Türken und Armeniern, zwischen Juden und Germanen, zwischen Weißen und Negern, spielen religiöse und ständisch« Gegensätze, also nicht biologische Faktoren hinein; insbesondere aber beweisen die trotz aller angeblichen Naturgegensätze, ja trotz aller sozialen Trennung immer wieder sich knüpfenden Liebes- und Freundschaftsbande, vor allem das Dasein von zahllosen Mischlingen, aufs deutlichste, daß die angeblichen Rasseninstinkte nicht „Natur" sind, sondern „Kultur"produkte, allerdings Produkte einer sehr zweifelhaften Kultur, die in diesem Falle zumeist auf Vorurteilen, überliefertem Mißtrauen und gehässigen Entstellungen beruht Um ihre „Instinkte" als möglichst echte „Natur" erscheinen zu lassen, berufen sich jedoch die Rassetheoretiker gern auf einen besonderen Rassegeruch. Ich halte die Behauptung, daß feindliche Rassen sich wegen ihrer Blutverschiedenheit „nicht riechen" könnten, selbst bei so verschiedenen Typen wie Negern und Weißen für irrtümlich, mindestens für stark übertrieben. Ich selbst habe bei Negern nie einen besonderen Rassegeruch wahrgenommen. Daß einem Individuum der Körpergeruch eines andern Individuums unangenehm ist, kommt auch zwischen Angehörigen der gleichen „Rasse" vor. Im übrigen tritt die Behauptung unangenehmen Geruches nicht bloß auf, wo es sich um verschiedene Blutgemeinschaften handelt, sondern überall dort, wo 284

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