Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1930-08-01 · Heft 3 (August 1930) · p. 283

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 3 (August 1930)
Article
Zur Problematik des Rassebegriffes
Date
1930-08-01
Page
283 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2895450-2895491-2895495-2900786--04498-2900882
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zur Problematik des Rassebegriffes 3. Diesen Tatsachen gegenüber berufen sich die Rassetheoretiker jedoch vielfach auf einen untrüglichen „Rasseinstinkt", ein unabweisbares „Rassebewußtsein", das man nicht rational erklären, sondern das man in der eigenen Brust spüren müsse- Leugnet man das für seine eigne Person, so bekommt man zu hören, daß das Fehlen dieses Instinktes eben der Beweis für Bastardierung, für den Mangel echter Rasse sei. Daß es instinkthafte Zu- und Abneigungen zwischen Menschen gibt, ist unbestreitbar. Ohne sich selbst Rechenschaft über die Gründe geben zu können, spürt man oft Sympathie oder Antipathie, sei es gegen ein Individuum, sei es gegen eine soziale Gruppe. Bei genauer Nachprüfung findet man allerdings sehr oft, daß der vermeintliche „Naturinstinkt" auf sehr äußerliche Anlässe, vage Ähnlichkeiten, grobe Suggestionen, ja Mißverständnisse zurückgeht Irgend ein Einzelfall wird verallgemeinert. Viele Menschen hassen, wenn sie einmal durch einen Rothaarigen, einen Juden, eine Frau Ärger gehabt haben, gleich alle Rothaarigen, alle Juden, alle Weiber, oft ohne sich des Anlasses noch bewußt zu sein. Die Behauptung der Rassetheoretiker geht nun dahin, es bestünde eine angeborene, natürliche, instinkthafte Antipathie zwischen Menschen verschiedenen Blutes, während gleiches Blut umgekehrt Sympathie mit sich bringe. Die Frage ist nun, ob diese „angeborenen Instinkte" wirklich Ursache der feindlichen, respektiv freundlichen Sozialgefühle sind, oder ob nicht umgekehrt die soziale Vereinigung oder Trennung jene Instinkte erst als eine Folgeerscheinung erzeugt. Da die Rassetheoretiker gern sich auf die „Natur" berufen, so werden sie vielleicht auf den Haß zwischen Hund und Katze verweisen, zwischen denen ja auch angeborene, natürliche Rassefeindschaft bestehe. Indessen ist da zunächst zu erwidern, daß diese Feindschaft nur bei domestizierten Hunden und Katzen besteht, also nicht Natur, sondern ein soziales Produkt ist. Umgekehrt jedoch hat Hagenbeck in seinem Tierpark experimentell im allergrößten Stil nachgewiesen, daß wenn Hund und Katze, Löwe und Lamm, Tiger und Reh zusammen aufgezogen werden, sie friedlich, ohne jeden Haß, nebeneinander leben. Das beweist, daß selbst dann, wenn ein „natürlicher" Antipathieinstinkt zwischen den Tierrassen bestünde, dieser doch mit Leichtigkeit durch soziale Beeinflussung überwunden werden kann. 283 19*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.