Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- Zur Problematik des Rassebegriffes
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 282 (sequence 4)
- Language
- German
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Richard Müller-Freienfels Schon rein biologisch ist also die „Rasse" ganz unberechenbar. Noch absurder aber wird die Rassetheorie, wenn sie behauptet, der körperlichen Typik ginge eine geistige und moralische parallel, und wenn sie, bloß auf Grund der Vererbung, ganzen „Rassen" bestimmte geistige und moralische Anlagen anheftet Gewiß unterscheiden sich die Völker durch ihre Geistigkeit und ihre Moralität, aber es ist ganz unwissenschaftlich zu behaupten, das ginge nur auf das biologische Erbe zurück, wo sich doch nachweisen läßt, daß Änderungen der sozialen Stellung, der vorwiegenden Beschäftigung und andere nichtbiologische Einflüsse den „Charakter" eines Volkes tiefgreifend beeinflussen. Die Deutschen z. B. haben, seitdem sie ein Industrievolk wurden, einen sehr anderen seelischen und geistigen Typus bekommen, als sie hatten, solange sie vorwiegend Ackerbauer waren. Außerdem gibt es in jedem als „Rasse" bezeichneten Typenkreise, in jeder Familie, jeder Klasse, jedem Volk kluge und dumme, gute und schlechte, edle und unedle, musikalische und unmusikalische, dichterische und mathematische Köpfe. Wie soll das zu vereinen sein mit der Behauptung, daß Einheit der Rasse als Inzucht eines einheitlichen körperlichen Typus auch Gleichheit der geistigen und moralischen Dispositionen bedinge? Aus allen diesen Tatsachen, denen sich unschwer noch andere anreihen ließen, ziehen wir den Schluß, daß die „Rasse" als ein Vererbungszusammenhang zwar ein wichtiger Faktor in allen Fragen der kulturellen Entwicklung ist, daß er jedoch in keiner Weise rational zu fassen ist, sondern ebenso wie eine gewisse typische Übereinstimmung zugleich unübersehbare Varianten in sich schließt Wir leugnen keineswegs, daß Familien, Klassen, Völker oft in körperlicher und seelischer Hinsicht ein bestimmtes Gepräge zeigen, also daß es möglich ist, in gewissem Sinne von einem „Familien-" oder „Volkscharakter" z. B. zu sprechen; wir erklären es jedoch für ganz unwissenschaftlich, dieses einheitliche Gepräge ausschließlich als Wirkung der rein biologischen Erbfolge, der „Rasse", zu deuten. Vielmehr sind mindestens ebenso stark ganz außerbiologische, wie geographische, historische, soziologische Einflüsse dabei wirksam. Eine „Rassetheorie", die das einfach beiseite schiebt, kann nicht den Anspruch erheben, als Wissenschaft zu gelten, auch wenn sie sich noch so sehr mit Tabellen, Statistiken, Schädelmessungen usw. wissenschaftlich herausputzt 282