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Der Morgen · 1930-08-01 · Heft 3 (August 1930) · p. 281

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 3 (August 1930)
Article
Zur Problematik des Rassebegriffes
Date
1930-08-01
Page
281 (sequence 3)
Language
German
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Zur Problematik des Rassebegriffes einflüsse bedingt, was dagegen wirklich vererbt und vererbbar ist Schon die Beobachtung im Alltagsleben zeigt überall, daß ein Elternpaar des gleichen Typus keineswegs immer gleichtypische Kinder zeugt Will man diese oft merkwürdigen Varianten aus der Vererbung erklären, so muß man auf Atavismen zurückgreifen, d. h. man muß Erbkomponenten, die aus früheren Generationen stammen, jedoch in den beiden Eltern nur latent waren, annehmen. Man kann gewiß zugeben, daß jedes Individuum außer den in seinem Phänotypus erscheinenden Merkmalen zugleich Träger von Erbfaktoren völlig anderer Art ist, die von irgendwelchen Vorfahren stammen und bei den Nachkommen wieder manifest werden können. Schon dadurch indessen . ist die Vererbung kein rationaler, berechenbarer Faktor. Nehmen wir weiter hinzu, daß jeder Mensch, wenn wir um drei Jahrhunderte zurückgehen, schon über tausend Vorfahren, wenn wir jedoch um ein Jahrtausend zurückgreifen, schon über eine Milliarde Ahnen besitzt, so muß der Versuch, aus der Erbfolge den Typus mit Sicherheit bestimmen zu wollen und von „seiner Rasse" zu reden, einfach lächerlich erscheinen. Wenn z. B. ein Mensch blaue Augen und blonde Haare hat, so kann es gewiß sein, daß er von lauter blaublonden Vorfahren abstammt, er kann jedoch auch Nachfahre ganz andersartiger Ascendenten sein, unter die sich nur einmal irgendwo ein blaublonder Ahne verirrt hatte, dessen Typus bei dem Nachfahren vielleicht erst nach mehreren Generationen wieder durchschlug. Unter diesem Gesichtspunkt ist es völlig unwissenschaftlich, aus dem Phänotyp eines Individuums etwa seine Rasse im Sinne eines geschlossenen Erbtypus ermitteln zu wollen. Das ist der Grundfehler des verbreiteten Buches von Günther, der nach Photographien einzelner Menschen ihren „Rassetypus" bestimmt, ohne auch nur den Versuch zu machen, in jedem Falle nachzuweisen, daß dieser Phänotyp wirklich auf eine geschlossene Erbreihe zurückgeht Was er gibt, sind physiognomische Typen, aber nicht im geringsten etwa biologische, durch strenge Inzucht konservierte Rassetypen.1) a) Da infolge politischer Konstellationen Günther neuerdings in der Öffentlichkeit viel genannt wird, so sei noch stärker hier unterstrichen, daß seinen Büchern ein wissenschaftlicher Wert überhaupt nicht zukommt. Wenn es dafür noch eines Beweises bedurft hätte, so ist dieser von Günther selbst in einem neueren Werke erbracht worden, in dem er seine Schädeltheorie auf das Griechentum überträgt und z.B. Sokrates auf Grund seiner Schädekaaße zu degradieren sucht. Man könnte diese Behauptungen ruhig ihrer eignen Lächerlichkeit überlassen, wenn infolge des Widerhalb dieser Bücher sie nicht auch die ganze deutsche Wissenschaft in den Augen des Auslandes ebenfalls lächerlich zu machen drohten. 19 281

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