Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 275 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895491-2895495-2900785--04489-2900874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mischehen zur Verfügung. Als auch dieser stirbt, nachdem er so schmählich an ihr gehandelt, sagt sie sich noch immer nicht von diesem Hause los, sondern wartet auf den dritten, und als ihr dieser vorenthalten wird, verlockt sie ihren Schwiegervater zur Beiwohnung. Die Triebfeder von alledem kann nicht gewesen sein, daß sie durchaus ein Kind für sich haben wollte, denn dazu hätte sie auch kommen können, wenn sie einen Mann aus einer für sie weniger, verhängnisvollen Familie geheiratet hätte. Sondern sie ist sich der hohen Bestimmung bewußt, die sie erfüllen sollte, indem sie in Judas Familie heiratete. Man muß die Wortkargheit der Schrift zu ergänzen wissen. Es kann kein Zweifel sein, daß Juda, als er Tamar seinem ältesten Sohne zur Frau gab, sie über seine Familie, ihren Beruf und die göttlichen Verheißungen belehrte, und nachdem Rüben, Simon und Levi verworfen worden waren, hatte er als der Nächste Grund, die Verheißung: „Könige werden aus deinen Lenden hervorgehen" auf sich zu beziehen. Und Tamar hat begriffen, daß sie die Stammutter der Könige werden soll und ist entschlossen, diesen Beruf zu erfüllen.! Wenn sie sich nun, nachdem ihr der letzte Sohn verweigert wird, an den Vater hält, so tut sie nichts anderes als Juda mit der Schwagerehe vor-» gehabt hatte, denn die Frau des Sohnes ist mir nicht näher verwandt als die des Bruders. Juda ist, ängstlich geworden, auf halbem Wege stehen geblieben, sie aber hält in unerschütterlicher Treue fest und bindet ihn an sich mit Ring, Band und Stab. An dem Siegelring ist diese Symbolik am deutlichsten: „lege mich wie einen Siegelring an deine Brust, wie einen Siegelring an deinen; Arm, wie einen Siegelring an deine rechte Hand". Mit Schnur und Stab aber nimmt sie selbst das Szepter künftiger Königsherrschaft in Verwahrung, das Juda fahren läßt So ist Tamar die würdige Nachfolgerin der Stammütter, die alle nur in dem Gedanken an das kommende Geschlecht der Verheißung leben, einer Sara, einer Rebekka, einer Lea und Rahel. 3. Ja, sie steht noch höher, weil sie ursprünglich eine Fremde war. Ihre Abkunft wird nicht angegeben, was um so gewisser Absicht ist, als bei dem Weibe Judas das Umgekehrte geschieht. Ohne Zweifel war auch Tamar eine Tochter von Kanaanitern, denn hatte Juda für sich selbst ein Weib von ihnen genommen, wird er es auch für den Sohn getan haben. Daß sie nur Tamar und nicht „Tochter eines kanaanitischen Mannes" genannt wird, soll besagen: sie war eine Persönlichkeit, die nur in ihr selbst ihren Wert hatte. Diesen Wert hat ihr, ihre Empfänglichkeit für die erhabene Mission, die 275