Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 273 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Mischehen 2. Mit seiner Aufforderung an Onan, den zweiten Sohn, hat Juda die sogenannte Schwagerehe (Levirat, von dem lateinischen „levir" Schwager) ins Leben gerufen, die dann von der mosaischen Gesetzgebung zu einer israelitischen Einrichtung erhoben wurde. Wenn ein Mann stirbt, ohne männliche Nachkommen zu hinterlassen, so soll der Bruder des Verstorbenen eintreten und die Witwe heiraten, um dem Toten Nachkommen zu erwecken und sein Haus zu erbauen. Weigert er sich, so wird er von der Witwe in einer öffentlichen Verhandlung gebrandmarkt. Sie zieht ihm vor den Ältesten den Schuh aus (das ist die „Chaliza"), speit vor ihm aus und spricht: so geschehe dem Manne, der nicht das Haus seines Bruders erbauen will! Und sein Name wird fürder in Israel genannt: Haus des Schuhausgezogenen. Das Gebot der Schwagerehe ist, abgesehen von allen praktischen Rücksichten, eine ganz außerordentliche moralische Anforderung. Denn die Ehe mit des Bruders Weib war sonst streng verboten. Sie war „Blutschande". Die sioh bei allen Völkern findenden Verbote von Verwandtenehen sind eine der schwierigsten Materien für eine ganze Reihe von Wissenschaften: für Biologie, Ethnologie, Soziologie und Psychologie, für Theologie, Moral und Recht. Welches auch immer die Gründe für diese Verbote sein mögen, so lehrt die Erfahrung, daß, wenn sie einmal gelten, sie die stärksten seelischen Hemmungen erzeugen, die es überhaupt gibt, so daß der Mensch vor nichts entsetzter zurückschaudert. An diesem Schauder vor Inzest, der nicht Ursache sondern Wirkung ist, kann man vorzüglich die Kraft eines, nennen wir es leiblichen, Verbotes studieren, wenn es als ein göttliches empfunden wird. Allerdings würden die Verbote nicht solch widerspruchslose Zustimmung finden, wenn sie nicht in der moralischen Natur des Menschen begründet wären. Es muß die moralische Natur sein, weil das Tier diesen Schauder nicht kennt, der vielmehr ein wesentlicher Unterschied zwischen Mensch und Tier ist. Damit, daß die Verbote bei den verschiedenen Völkern verschieden sind, hat es dieselbe Bewandtnis, wie mit den moralischen Geboten überhaupt, auch mit dem Gottesbewußtsein. In unbestimmter Allgemeinheit ist es stets allen Völkern gemeinsam gewesen, hat sich aber bei den verschiedenen Völkern sehr verschieden ausgeprägt Das ist eben der offenbarungsgemäße Vorrang der Bibel, daß in ihr das Religiöse wie das Sittliche den reinsten, entschiedensten und gültigsten Ausdruck gefunden hat. Und über dieses Gefühl soll der überlebende Bruder sich hinwegsetzen? Wenn es die Thora aber unter gewissen 273