Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 272 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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B. Jacob vereitelte er eine Empfängnis. Da tötete Gott auch ihn, weil das was er getan hatte mißfällig war. Hierauf sprach Juda zu Tamar: warte als Witwe im Hause deines Vaters, bis mein Sohn Schela erwachsen ist; er fürchtete nämlich, daß auch dieser sterben könne. Nach einiger Zeit starb das Weib Judas und nachdem die Trauerzeit vorüber war, begab er sich zum Fest der Schafschur. Als dies Tamar berichtet wurde, tat sie ihr Witwenkleid ab und setzte sich verschleiert an den Weg. Hier wurde sie von Juda bemerkt, und da er sie für eine öffentliche Dirne hielt, redete er sie als solche an. Sie aber ließ sich als Pfand für ein später zu sendendes Geschenk drei Dinge einhändigenseinen Ring, seine Ehrenschnur und seinen Stab. Dann begab sie sich nach Hause, tat wieder ihr Witwenkleid an und war für den Boten Judas nicht mehr aufzufinden. Nach etlichen Monaten ward dem Juda berichtet: deine Schwiegertochter hat gebuhlt und ist schwanger! Da sprach er: man führe sie hinaus, daß sie verbrannt werde! Schon war sie auf dem Wege zum Richtplatze, da sandte sie an Juda eine Botschaft: von dem Mann, dem diese Gegenstände gehören, bin ich guter Hoffnung, erkenne, wem Ring, Schnur und Stab gehören! Da sprach Juda: sie ist edler als ich! Warum habe ich ihr nicht meinen Sohn Schela gegeben! Tamar aber gebar Zwillinge, den Perez und den Serach. Was ist der Sinn dieser Erzählung? Indem die Kritiker, anstatt das Kapitel aus ihm selbst und den Zusammenhängen und Absichten des Buches zu erklären, darin nach Stoff für historische, literar- und rehgionsgeschichtliche Konstruktionen suchten, haben sie es gründlich verkannt. Die Person der Tamar wird als eine Art umgekehrter Medea aufgefaßt: sie will ihr Recht, sie schreit nach einem Kinde, und in ihrer Frauenwildheit ist ihr jedes Mittel recht, geht sie über Sitte und Gesetz hinweg, scheut selbst Blutschande nicht und setzt Ehre und Leben aufs Spiel. In Wirklichkeit ist diese vermeintlich so anstößige Erzählung im eigentlichen Sinne die Krone des Buches und Tamar eine der herrlichsten Frauengestalten. Der Sinn und Zweck des Kapitels muß aus seinem Schlüsse zu erkennen sein. Es läuft auf Perez hinaus, dieser aber ist der Ahnherr Davids und des judäischen Königshauses. An Perez wiederum knüpft das Buch Rut als beabsichtigte Fortsetzung an, um mit dem Namen Davids zu schließen. Es erinnert sich auch an Tamar und Juda und weiß für Rut bei ihrer Verlobung mit Boas keinen höheren Segenswunsch, als daß ihre Ehe jener gleichen möge. Und das mit Recht. 272