Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- Krankheit und religiöses Erleben
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 235 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Krankheit und religiöses Erleben seelisches, moralisches Lehen gefährden. Niemand kann sich der Vernichtung seines Lebens, dem Tode entziehen, und der Gedanke an ihn bedeutet für viele schon ein Leid; kaum ein Mensch entgeht auch Krankheiten, zeigen uns doch die erfahrensten Ärzte, daß nicht einer unter Hunderttausend eines natürlichen Todes, d. h. eines Todes durch langsames, allmähliches Auslöschen aller Lebensfunktionen stirbt; die meisten werden vor der Zeit hinweggerafft durch Krankheiten, Unfälle, Kriege, Katastrophen, und auch diejenigen, die hochbetagt sterben, erliegen in der Regel Krankheiten. Krankheiten stellen so ein allgemeines Leid dar, sie bleiben keinem Menschen ganz erspart. Vielleicht hängt damit zusammen, daß der Begriff des Leidens sich an sie mit besonderem Nachdruck knüpft. „Er hat ein Leiden", „er ist leidend", besagt so viel wie: Er ist krank, er „leidet an einer Krankheit". Dabei müssen wir nun zweierlei besonders festhalten: Wäre Krankheit nichts als ein sich irgendwo im Organismus abspielender Prozeß, dann würde der Mensch nicht an der Krankheit „leiden"; leiden bedeutet immer ein seelisches Affiziertsein, bedeutet Krankheit und Leid fühlen, bedeutet ein Stellungnehmen zu der Krankheit, die einen befallen hat. Zum anderen aber bezeichnen wir nicht jede Krankheit als Leiden, Leiden ist immer nur eine Krankheit von mehr zuständlicher Art und von einer gewissen Schwere, eine Störung, die für das Leben und die Lebensgestaltung des Befallenen nicht gleichgültig ist, die vielmehr „etwas zu bedeuten" hat, die seinem ganzen Verhalten irgendwie den Stempel aufdrückt Die Lungentuberkulose verkörpert den Leidenscharakter vielleicht in einem ganz besonderen Maße; kaum eine Erkrankung gibt es, die so tief und nachhaltig den ganzen Menschen beeinflußt wie sie. Ich rede hier nicht von den leichten Erkrankungen, die nach kurzer Zeit von selbst wieder ausheilen, und nach denen der Mensch den früheren Betätigungen und Vergnügungen genau so nachgehen kann wie ehedem, sondern lediglich von den ernsteren und schwereren Fällen, die ein Leiden bedeuten und die vom Menschen als Leiden empfunden werden. Auf sie allein stützen sich die folgenden Ausführungen. Ich habe die Psychologie des Lungenkranken wiederholt behandelt, am eingehendsten in meinem Buche „Die Psyche des Lungenkranken", ich kann mich daher hier darauf beschränken, nur das für unsere weiteren Erörterungen Wichtigste zusammenfassen. Vier Momente sind es im wesentlichen, die das Seelenleben des Kranken bestimmen: Die Krankheit selbst, die Eigenart der Behandlung, die wirtschaftliche Situation und das Verhalten anderer Menschen. 235 16*