Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 3 (August 1930)
- Article
- Krankheit und religiöses Erleben
- Date
- 1930-08-01
- Page
- 241 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Krankheit und religiöses Erleben ohne Weiteres ein „Wunder" im strengsten Sinne: Gott braucht weiter nichts zu tun als die „natürlichen" Kräfte in Gang zu setzen, um die Heilung eintreten zu lassen; kein Naturgesetz braucht durchbrochen zu werden. Das Wunder besteht dann nur darin, daß Gott höchstpersönlich in das Leben des einzelnen Menschen eingreift, um ihn aus einer Gefahr zu befreien: Er gibt dem Herzen, das schon aufhört zu schlagen, einen neuen Impuls. Es ist ganz seltsam, daß die Hoffnung auf dieses Wunder, auf dieses persönliche Eingreifen Gottes, sich in Momenten der Gefahr auch bei Menschen erhebt, die sonst allem Wunderglauben fremd sind: Hier kann nur Gott helfen! Und nicht nur die Hoffnung auf das Wunder, sondern auch das Vertrauen auf das Wunder. Ich bin. überzeugt, daß viele Menschen in schwerster Krankheit in voller Kenntnis der Zusammenhänge und der Gefahren, an diesen Gefahren doch vorbeisehen, weil sie das Wunderbare erwarten. Sie kennen ihren Zustand und sehen ihn, doch nicht, weil ja die Möglichkeit des Wunders besteht — ja, ich glaube, daß nur ganz wenige Menschen im Momente höchster Gefahr nicht an irgendeiner verborgenen Stelle ihres Denken mit dem Wunder rechnen. Angst und Hoffnung führen hier zum Glauben, der als solcher schon Erleichterung der Qual verschafft. Aber nicht immer geht dieses Erlebnis sehr tief; denn wie oft ist mit der Überwindung der Gefahr auch der Glaube geschwunden und das Wunderbare zum Alltäglichen herabgesunken! Daß gerade in dem Alltäglichen oft das größte Wunder beschlossen ist (Lessing), das sieht der Mensch nicht leicht ein. Es gibt auch Fälle, in denen der Tod nicht Angst auslöst, sondern herbeigesehnt wird. Vielleicht übertönt der Schmerz häufig die Todesangst und läßt nur noch einen Wunsch übrig: Aufhören des Schmerzes. Hier erhebt sich das Problem der Euthanasie, der Abkürzung des Leidens, das wiederholt in der wissenschaftlichen oder in der schönen Literatur behandelt worden ist. Zum anderen aber gibt es Fälle, in denen auch ohne große Leiden der Tod herbeigesehnt wird, weil er als Eingang in das Reich Gottes erlebt wird, als Vereinigung mit Gott. (Auch diese Fälle sind keineswegs selten, vielleicht in katholischen Kreisen häufiger als in anderen.) Es muß des weiteren bemerkt werden, daß keineswegs nur der Gedanke an den Tod Angst auszulösen vermag, sondern daß auch schon der Gedanke an eine Verschlimmerung des Leidens, an Schmerzen, an die Notwendigkeit von ernsteren Operationen nicht selten Angsterlebnisse im Gefolge hat. Und jede Angst kann zu dem Wunsche nach „übernatürlicher" Hilfe, zu dem Vertrauen 241