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Der Morgen · 1930-08-01 · Heft 3 (August 1930) · p. 232

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Journal
Der Morgen
Volume
6 (1930-1931)
Issue
Heft 3 (August 1930)
Article
Krankheit und religiöses Erleben
Date
1930-08-01
Page
232 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Krankheit und religiöses Erleben Von Erich Stern I. Kein Versuch einer Welt- und Lebensdeutung kann an der Tatsache des Übels, des Leides vorübergehen; das gilt auch für die religiöse Weltauffassung, ja gerade für sie in ganz besonderem Maße. Sie wird sich immer mit der Frage auseinanderzusetzen haben, wie das Leid in einer Welt möglich ist, deren Geschicke ein allgütiger, allwissender und alles vermögender Gott lenkt. Alle Erklärungsversuche sind in sich widerspruchsvoll und unbefriedigend. Wer das Leid als Strafe ansieht, die Gott dem Menschen für seine Sünden schickt, wird bald erkennen, daß es dem „Guten" keineswegs besser ergeht als dem „Sünder"; wird das Leid angesehen als Folge der Erbsünde oder als Buße für die Missetaten eines anderen, so scheint dies in Widerspruch zu stehen mit der Vorstellung der Allgüte Gottes. Betrachtet man das Leid als eine Prüfung, die Gott dem Menschen schickt, damit er sich bewähren und seinen Wert erweisen kann, so gerät man sofort in ein Dilemma: entweder vermag Gott nicht vorauszusehen, wie der Mensch sich dem Leid gegenüber verhalten wird und er bedarf der Prüfungen — dann ist er nicht allwissend, oder aber er weiß des Menschen Haltung im voraus, dann ist das Leid überflüssige Qual — dann ist Gott nicht allgütig, oder er vermag das Leid nicht abzuwenden — dann ist er nicht alles vermögend. Es gibt für das Leid keine befriedigende Erklärung. Gewiß läßt das Leid den Menschen mehr reifen als die Freude; aber weshalb ist dies der Fall? Die Betonung der Unerforschlichkeit des Ratschlusses Gottes bedeutet den Verzicht auf eine Erklärung; sie zeigt eine Grenze auf, die unserem Denken gesetzt ist. Schließlich bleibt uns nichts anderes übrig, als 232

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