Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Das Geheimnis der Bundeslade
- Date
- 1930-04-01
- Page
- 81 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2895450-2895491-2895493-2900471--04240-2900586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Geheimnis der Bundeslade Und doch sind all diese Angaben der Bibel völlig berechtigt Zunächst erklärt sich die Vielheit von Vorstellungen aufs einfachste daraus, daß es sich — wie die Bibelstellen eigentlich ganz klar sagen — gar nicht um ein einziges Gerät, sondern um zwei voneinander völlig verschiedene, nur im Heiligtum übereinander gestellte Kultgegenstände handelte. Zuunterst stand die einfache hölzerne Lade, die in der Tat nichts als Lade war, und als Gesetzesbehälter diente. In ihr waren ausschließlich die Bundestafeln (kein Götzenbild, wie in ihrer Ratlosigkeit christliche und mit ihnen auch jüdische Forscher gegen alle Angaben törichterweise vermutet hatten) verschlossen, jedoch nur eben ein Exemplar von ihnen zur sicheren Aufbewahrung für alle Zeiten; ein anderes Exemplar aber war — auch dies ist bezeugt — „offen für uns und unsere Kinder bis in Ewigkeit" daneben vorhanden. Darüber aber stand, heiliger und darum kunstvoller ausgestaltet, ein zweites Gerät mit eigenem Namen (Kapporet, Merkaba) aus lauterem Gold, und dieses allein war das hochheilige Symbol der Gottheit als Richter, Führer und Kämpfer; an diese Kapporet-Merkaba allein knüpfte sich die Idee vom Sitz der Gottheit, von einem Thron und einem Fahrzeug. Sie soll in der Tat auch ein Fahrzeug Gottes darstellen, jedoch kein Fahrzeug auf Erden, mit Deichsel und Rädern, von Tieren gezogen, sondern — und hier muß das Resultat, das uns so schroff entgegentritt, den Modernen zunächst frappieren — ein Fahrzeug zum Fluge durch die Luft Daß es das sein will, darauf deutet in Verbindung mit dem Namen Merkaba, „Gefährt", ja seine Form: zwei durch eine Platte verbundene Cherube mit weit ausgebreiteten Flügeln. Aber allerdings, es ist nicht ein bewußt als Flugzeug konstruiertes — wenn auch nicht praktikables — Fahrzeug. Vielmehr soll es jenes Gefährt nachbilden, worin in der Natur die Gottheit im Gewittersturm unter Donner und Blitz wirklich am Himmel einherfährt: die Gewitterwolke. Sie war es, der die Phantasie Leben gab, wesbalb die Bibel von ihr oft als dem Cherub oder den Cherubim spricht, auf denen im Sturm Gott einherfährt, und nur eine Nachbildung jener Cherubim ist die Kapporet auf der Lade. Die Gewitterwolke ist das Grundphänomen, das in den Erzählungen der Bibel die Erscheinung Gottes ständig begleitet Diese Erscheinung Gottes Heß mit anderen Stämmen Palästinas und Syriens auch bereits die Stammväter Israels die Gegenwart Gottes ahnen, den sie unter dem Namen El Schaddai, in den Keilinschriften ilu schadi, „den Gott des (gewitter- und wolkenreichen) Hochgebirges" verehrten und der ihr Heimatgott blieb, als sie nach Ägypten zogen. In der Gewitterwolke erschien dieser als mit Blitz und 6 81