Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Mahatma Gandhi
- Date
- 1930-04-01
- Page
- 75 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Mahatma Gandhi lernen, die „Kastenlosen" als gleichberechtigte Mitbürger zu betrachten. Kaum eine Rede hat Mahatma Gandhi während dieser letzten Jahre gehalten, ohne in diesem oder jenem Zusammenhang auf die unwürdige Behandlung der „Kastenlosen" hinzuweisen. Ebenso wie er sich an der Bildung von Gewerkschaften für die Industriearbeiter beteiligt hat, leitete er auch eine ganze Reihe von Konferenzen, die die „Kastenlosen" während der letzten Jahre veranstalteten, um für würdigere Lebensbedingungen innerhalb des Volkskörpers einzutreten. Die „Kastenlosen" haben keinen treueren Freund als Mahatma Gandhi, und darum findet man gerade bei ihnen die ergreifendsten Beweise grenzenloser hingebender Bewunderung für den „Mahatmaji". Als im Jahre 1920 eine große Anzahl von Studenten die staatlichen Hochschulen verließen als Protest gegen die englisch-indische Regierung, bereitete es Gandhi keine allzu große Schwierigkeit, mit Hilfe seiner zahlreichen Freunde noch im gleichen Jahr die Nationaluniversität zu Ahmedabad zu gründen. Sie steht auch jetzt noch unter seiner geistigen Führung, wenn er auch wegen vermehrter Arbeitslast die technische Leitung nunmehr anderen Händen anvertrauen mußte. Hier findet die indische Jugend Gelegenheit, die religiösen Urkunden zu studieren und Achtung vor den einheimischen Sprachen zu erlangen. Die Universität ist nicht eine bloße Examensfabrik, sondern die Jugend soll hier lernen, sich auf die Pflichten gegen ihr Land und ihr Volk zu besinnen, auf jedem Gebiete nach der Wahrheit zu forschen und dann mit den erworbenen Kenntnissen ihren Mitmenschen zu dienen, nicht aber das Wissen nur zum Karrieremachen zu gebrauchen. Nur 6 Kilometer von Ahmedabad entfernt befindet sich das Institut, in dem Mahatma jetzt wohnt, und das ebenfalls in jenen Jahren der Begeisterung gegründet worden ist. Das ist „Satyagraha Ashram" in SabarmatL Mahatma sammelt hier Jünglinge um sich, die gewillt sind, als „Brahmacharya" zu leben, d. h. ehelos zu bleiben, um sich ganz und gar ihrem Berufe, Diener des Volkes zu sein, hingeben zu können. Hier erhielt Gandhi auch die längst erwartete Botschaft, daß die Behörden Befehl zu seiner Verhaftung gegeben hätten. Das geschah am 10. März 1921, und eine Woche später stand er vor den Gerichtsschranken zu Ahmedabad unter der Anklage, durch seine Handlungen „Mißachtung von Seiner Majestät Regierung in British-Indien" erweckt zu haben. Als Advokat bedurfte er keines Verteidigers. Er fühlte sich imstande, selbst seine Sache zu führen. Seine Verteidigungsrede ist eine in würdigem Ton gehaltene Anklage gegen die englisch-indische Regierung und all das, was sie 75