Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Mahatma Gandhi
- Date
- 1930-04-01
- Page
- 73 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Mahatma Gandhi als „Beschützer der kleinen Staaten", für „das Selbstbestimmungsrecht der Völker" in den Kampf gezogen sei; und dafür opferte man gern, wenn es begehrt wurde. Anstatt des verheißenen Selbstbestimmungsrechtes für Indien kamen im März 1919 neue Verordnungen heraus, welche die zuvor bestehenden Rechte der indischen Untertanen noch wesentlich einschränkten und daher überall in Indien als eine Kampfansage der Regierung aufgefaßt wurden. Gandhi, der im Laufe der Jahre der Wortführer des ganzen Volkes geworden war, protestierte gegen diese Gesetze dadurch, daß er für Indien ein „Hartal", d. i. allgemeine Arbeitsniederlegung während eines Tages, ausrief. Der 6. April 1919 war ein stiller Tag in ganz Indien, und Gandhi gebot, daß dieser Tag in Fasten, Buße und Gebet verbracht würde. Die Behörden schienen stellenweise, angesichts dieser unerwarteten Einigkeit, den Kopf verloren zu haben. Als Gandhi nach Delhi reisen wollte, um dort persönlich unruhige Elemente zur Ruhe zu bringen, erhielt er den Bescheid, er habe kein Recht, das Gebiet der Provinz zu betreten. Gandhi weigerte sich, diesem Eingriff in sein Recht als freier Bürger zu gehorchen, und die Folge war, daß man ihn verhaftete und nach Bombay zurückschickte. In Amritzar, im nördlichen Indien, wurden gleichzeitig zwei Freunde Gandhis verhaftet. Als darauf Unruhen in Amritzar ausbrachen, machten die Truppen, ohne mit der Wimper zu zucken, Gebrauch von ihren Schießwaffen gegen die unbewaffnete Volksmenge, und 379 Personen wurden getötet. „Das Blutbad in Amritzar" steigerte die Erbitterung gegen die Engländer im höchsten Grade. Gewalt erzeugt Gewalt, das zeigte sich auch hier. Gandhi tat sein Äußerstes, um neue Gewalttaten zu verhindern, aber er konnte in diesem weit ausgedehnten Lande nicht überall zugleich sein. Gandhi sandte nun alle seine englischen Orden und Ehrenzeichen zurück, die er, besonders für seine Tätigkeit während des Burenkrieges, und später im Dienst der Krankenpflege, erhalten hatte. Er begründet in einem Brief vom 1. August 1920 an den Vizekönig von Indien seine Handlungsweise damit, daß es ihm die Regierung durch ihre zahlreichen Übergriffe unmöglich gemacht habe, diese Ehrenzeichen zu tragen und mit ihren Behörden zusammen zu arbeiten. Er erklärt somit der Regierung den Krieg und proklamiert sein« „non-cooperation". Er schließt sein Schreiben mit der Versicherung, er gebe die Hoffnung nicht auf, daß der Vizekönig „Möglichkeiten finde, dem Volke sein Recht zu verschaffen", und sein Kampf sei in dem gleichen Augenblick zu Ende, da die Regierung auf die berechtigten Forderungen des Volkes, ihm 73