Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 6 (1930-1931)
- Issue
- Heft 1 (April 1930)
- Article
- Mahatma Gandhi
- Date
- 1930-04-01
- Page
- 77 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Mahatma Gandhi Geistig war er indessen keineswegs gebrochen, vielmehr war er alsbald bereit, die zahlreichen Aufträge und Aufgaben, die bei seiner Rückkehr nach Sabarmati seiner warteten, in Angriff zu nehmen. Während der Zeit seiner Gefangenschaft hatte sich vieles ereignet, was Gandhi tief schmerzte und ihm bewies, daß seine zahlreichen Bewunderer und Anhänger in den unteren Schichten des Volkes für den Kampf im großen noch nicht reif waren, wie Gandhi gehofft hatte. Indiens Bevölkerung hatte sich vom Abendland dahin beeinflussen lassen, daß man Gewalt üben müsse, wenn man versuchen wolle, Gerechtigkeit und Freiheit zu erlangen. „Ahimsa", dieses vornehmste Gebot des Hinduismus, hatte nicht die gleiche Macht im Gewissen des Volkes wie bei Mahatma Gandhi selbst Die religiöse Grundanschauung Mahatmas stammt zweifellos aus dem Hinduismus, wie er ihn durch Bhagavad Gita und seine eigene fromme Mutter kennen gelernt hatte. Im Wesen des Hinduismus hegt jedoch eine Empfänglichkeit und ein Angleichungsvermögen, das wir uns innerhalb der Grenzen des Christentums nur schwer vorstellen können. Dieses Angleichungsvermögen besitzt Mahatma Gandhi in hervorragendem Maße. Er hat außer den heiligen Schriften seiner eigenen Religion sowohl das Neue Testament als auch den Koran studiert. Worte aus dem Neuen Testament, und zwar vorzugsweise aus der Bergpredigt, werden häufig von ihm angeführt. Während einer seiner zahlreichen Reisen durch Indien hatte sich einmal auf einer kleinen Haltestelle eine gewaltige Volksmenge angesammelt und verlangt, „Mahatmaji" solle reden. Gandhi war darauf nicht vorbereitet Er ist, wie er selbst gesteht, kein Freund vom öffentlichen Reden. Was tat er? Er stieg aus dem Zuge, trat vor die Menge hin, las ihnen die acht Seligpreisungen aus der Bergpredigt vor und begab sich wieder in sein Abteil. Gandhi hat Freunde in allen Lagern, unter Christen und Mohammedanern, ebenso wie unter seinen eigenen Glaubensgenossen. Er selbst hat hohe Achtung vor jeder ehrlichen Überzeugung, verabscheut dagegen alles, was auch nur im geringsten nach geistigem Hochmut oder „religiösem Imperialismus" schmeckt Doch ist er darin ein echter Inder, daß er sich keine wirkliche Kultur ohne Religion vofstellen kann. Sein Kampf kann auch nur verstanden werden als der Kampf einer religiösen Persönlichkeit Es wird oft gesagt: „Alles in Indien ist Religion'". Mahatma Gandhi würde sicherlich, von seinem „Satyagraha" getrieben, Einspruch gegen diese Behauptung erheben, denn mit tiefem Schmerz muß er sehen und gestehen, daß in der letzten Zeit viel zu viel von der Verweltlichung 77