Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 648

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Wege der Erneuerung [Rezension]
Date
1930-02-01
Page
648 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895490-2900314--04132-2900449
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Julius Bab dieser Gesamtleistung keinen Abbruch, daß es mehr ein großer Schriftsteller ist, ein Mann, der sein deutendes Wort ins Gespräch des Tages wirft, als ein Dichter, ein Gestalter aus zeitlosem Zwang, der nun erscheint. Thomas Mann veröffentlichte in derselben Zeit, da ihm die internationale Preiskrönung zuteil wurde, bereits den dritten, umfangreichen Band seiner reinen Schriftstellerschaft „Reden und Aufsätze aus den Jahren 1925 bis 1929". Der Titel, ebenso wenig wie irgendein anderes Wort dieses großen Bandes, leichtsinnig oder in spielerischer Laune gesetzt, lautet: „Die Forderung des Tages" und fußt damit sehr bedeutsam auf dem Goetheschen Wort: „Was ist Deine Pflicht? Die Forderung des Tages". — Das Buch ist von einem außerordentlichem Reichtum, aber mehr als das, es ist bei aller Buntheit des Materials, von einer erstaunlich gleichmäßigen Tiefe in der Grundanschauung, die all diese mannigfaltigen Gelegenheiten durchdringt und die immer auf die gleiche Bahn einmündet: auf den Weg der Erneuerung. Das Buch beginnt mit einer Tischrede, die Thomas Mann zur Feier seines 5o. Geburtstags in München hielt, und da meint er, daß es ja eine sehr vornehme Art sei, sich solchen Feierlichkeiten durch die Flucht zu entziehen. Er aber finde, „man solle seinen Mann stehen" — „man soll ein Mensch sein, soll sich dem Leben nicht entziehen, sondern es mitmachen mit allem, was das Leben mit sich bringt". Mit diesem Pflichtgefühl aber tritt nun Thomas Mann an jeden Anlaß heran, den ihm, dem höchst verantwortlichen deutschen Sprecher, der Tag bringt. Er spricht zur Hundertjahrfeier Reclams und zum Jubiläum der Stadt Lübeck; er spricht in einer persönlichen Auseinandersetzung über Kultur und Sozialismus und über die Stellung Freuds in der modernen Geistesgeschichte; er beantwortet Rundfragen und schreibt Briefe, um bedrohte Geistesarbeiter zu schützen. Er gibt in einem Trinkspruch auf Jakob Wassermann sehr bemerkenswerte Erkenntnisse über das Wesen der epischen Kunst, und er hält eine große, prachtvoll bewegte Rede zu Ehren.des 200jährigen Lessing! „Er ist der Klassiker des dichterischen Verstandes, der Erzvater eines klugen und wachen Dichtertums." — All das hat nichts zu tun mit Vielgeschäfligkeit, geschweige denn mit einem Sichwichtig-machen. Denn all das hat an menschlicher Eitelkeit nicht mehr Anteil. als das unerläßliche Mindestmaß, und ist in jedem Augenblick durchdrungen von einem vollen Verantwortungsgefühl, von dem unzweideutig empfundenen Beruf, beizutragen an seinem Teil zur Klärung des Zeitgefühls, mitzubauen am Weg der Erneuerung. Es ist ja selbstverständlich, daß der Schriftsteller und Zeitdeuter Thomas Mann von keinem anderen Grundproblem ausgeht als der Dichter, den von den „Buddenbrooks" an bis zum „Zauberberg" die Frage beschäftigte nach dem Verhältnis des aktiven Lebens zum betrachtenden, der Kultur zur Zivilisation, des scharf Bewußten zum großen Unbewußten. In seiner melancholisch künstlerischen Jugend empfand Thomas Mann fast hoffnungslose Feindschaft zwischen diesen beiden Urmächten des Daseins, und nur in seltenen Augenblicken erfüllte ihn eine Hoffnung, in der heimlichen neidvollen Liebe des ästhetischen zum praktischen Menschen, gerade 648

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.