Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Wege der Erneuerung [Rezension]
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 647 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Weg der Erneuerung begreift: die Verachtung der „Ideologen" und das heißt zuletzt des Geistes. Die Zeit, die aus dem i8i3 neu gewonnenen Vaterlandsgefühl den krampfhaft betriebenen Kult des Staats macht und aus der von Schleiermacher erneuerten Religion die dienende Staatskirche mit den Hofpredigern. Die Zeit, die überall für den Geist die Organisation für das Wesen die theatralische Repräsentation einsetzt; die Zeit der völlig seelenlosen Dombauten, die Zeit, deren (Heilborn wagt es zu zeigen) theatralisch lärmendes Wesen sogar bis ins Wort ihres großen Kritikers Nietzsche dringt. Eine Zeit der Rentnerseelen, die alle Kulturwerte zur bloßen Dekoration verbraucht, und an mächtigen Arbeiterseelen, wie etwa Ludwig Feuerbach, der Philosoph, eine war, merkwürdig schnell vorübergeht. Um sich bei den Männern, die es „so herrlich weit gebracht haben", bei den Afterweisheiten von Strauß und Haeckel zu beruhigen. Aber in dieser Zeit bewegt sich doch auch die neue, Wertgefühl bildende Kraft. Mit dem Emporkommen der Arbeiterbewegung, mit den Irrtümern und Weisheiten, der Gefahr und dem Segen des Sozialismus, kommt in Kunst, Dichtung und Wissenschaft, und durch sie ins Leben, eine neue „Arbeitergesinnung", eine neue Ehrfurcht zum schöpferischen Geiste. Der Weg der Erneuerung beginnt. — Heilborns prachtvolles Buch führt uns nicht nur auf genußreiche und gründliche Weise in den Geist der Vergangenheit, es läßt auch den Geist ahnen, der Zukunft erschaffen will. IV. Ein Wanderer auf diesem Wege der Neuerung, ein Wanderer und deshalb mehr als ein „Wegweiser", nämlich ein lebendiges, Kraft weckendes Beispiel ist Thomas Mann. Kein wilder Vorwärtsstürmer mit revolutionärem Elan; ein sehr geduldiger, umsichtiger — langsam vorschreitender, zuweilen zögernd, auch manchmal weichend, aber doch immer neu ansetzend und im ganzen mit sicherster Richtung zum Ziel gelangend — solch ein Wanderer auf dem Wege der Erneuerung ist Thomas Mann. Man hat ihn jetzt — nach 17 Jahren wieder einmal ein Deutscher — mit dem Nobelpreis ausgestattet; man hat damit angezeigt, daß in der Welt nach Gerhart Hauptmann, der den Preis vor 17 Jahren erhielt, Thomas Mann als der erste Sprecher deutschen Wesens in der Gegenwart erachtet wurde. Und man hat sicher Recht damit getan. Aber der schwedische Professor irrte etwas über seine eigenen Motive, wenn er aussprach, es sei vor allem, es sei wesentlich der große Jugendroman „Die Buddenbrooks", .den man preisgekrönt habe. Ganz gewiß: die Buddenbrooks sind ein vorzügliches Buch, über dessen Lebensdichte und -tiefe man immer neu erstaunen kann, und es ist wahrhaftig im höchsten Maße verblüffend, wie frisch, wie vollkommen gegenwärtig sie nach einem vollen Menschenalter noch erscheinen. Aber ganz bestimmt hätte kein Komitee der Welt einem Autor die höchste Auszeichnung verliehen, dessen Verdienst in einem dreißig Jahre alten Buch begrenzt ist. Die Gegenwartsbedeutung von Thomas Mann beruht in seiner Gesamterscheinung, die jene Kräfte, die zu schöpferischer Energie in dem Jugendroman zusammengedrängt waren, bewußt ausfaltet in einem Streben nach Verständnis und geistiger Beherrschung der Welt. Es tut 647